Ausgerechnet die sanfteste Stimme im Prolog von The Lion and the Deathless Dark hat mich am meisten beunruhigt. Die siebzehnjährige Kyrene kniet nach einer Gewalttat am Boden, Blut an den Händen, und hält ein Schwert, das mit ihr spricht. Die Klinge tröstet sie mit einer Zärtlichkeit, die ich in dieser Szene kaum erwartet hätte. Als Kyrene fragt, ob das, was sie um sich herum sieht, wirklich Gerechtigkeit sein soll, antwortet das Schwert ohne jedes Zögern. An dieser Stelle war ich ganz bei Kyrene. Ich hätte mich an ihrer Stelle vermutlich auch an die einzige Stimme gehalten, die ihr gerade half. Genau deshalb wollte ich wissen, wie lange es dauern würde, bis sie sich wieder erlaubt, dieser Stimme zu widersprechen.
Mit The Lion and the Deathless Dark eröffnet Carissa Broadbent das Bloodborn Duet. Der Roman ist der fünfte Hauptband von Crowns of Nyaxia und rückt die Kopfgeldjägerin Kyrene und den Vampirprinzen Septimus in den Mittelpunkt. Ich würde ihn in Reihenfolge lesen, gerade weil es einen Unterschied macht, ob man Septimus hier zum ersten Mal begegnet oder ihm schon mit einer gewissen Abneigung gegenübertritt. Nach Misches und Asars Geschichte war ich neugierig darauf, wie sich die Reihe aus der Sicht einer Frau anfühlt, die ihren Lebensunterhalt mit der Jagd verdient. Für mich liegt der Reiz dieses Auftakts darin, dass sich die düstere Vampir-Romantasy Zeit für eine langsame Annäherung nimmt, während Kyrene schon sehr früh Entscheidungen trifft, deren Folgen sie kaum noch einholen kann.
Inhalt
Seit zehn Jahren herrscht Krieg zwischen Menschen und Vampiren. Über dem verwüsteten Land liegt eine Nacht, die kein Morgen beendet. Kyrene schlägt sich als Kopfgeldjägerin durch und trägt eine Klinge, die von der Göttin der Gerechtigkeit gesegnet wurde. Nach einem schweren Verlust begeht sie ein Verbrechen, das sie selbst zur Gejagten macht. Sterbliche und Götter haben nun Grund, sie zu verfolgen. Für Kyrene bleibt trotzdem klar, wen sie für das Leid der Menschen verantwortlich macht. Sie will die Göttin der Vampire töten, auch wenn ihr dafür ausgerechnet jemand aus deren Welt helfen muss.
Septimus bietet ihr einen Auftrag an, der ihr eine Chance auf Rache und aufs Überleben verschafft. Gemeinsam sollen sie Jagd auf die Götter machen. Kyrene braucht einen Verbündeten, der sich in dieser Welt auskennt, und bekommt einen Prinzen, der sehr genau entscheidet, welche Informationen er preisgibt. Auf ihrem Weg müssen sich die beiden mit Flüchen und Prophezeiungen auseinandersetzen. Zugleich wächst zwischen ihnen eine Vertrautheit, die Kyrene in ihrem Plan kaum vorgesehen haben dürfte. Für mich steckt die Spannung dieser Ausgangslage darin, dass Septimus ihr helfen kann, ihrem Ziel näherzukommen, und sie zugleich zwingt, sich genauer anzusehen, wie viel von ihrem Leben sie diesem Ziel bereits untergeordnet hat.
Atmosphäre
Broadbents Sprache ist für mich am stärksten, wenn sie Zärtlichkeit und Grausamkeit in derselben Szene unterbringt. Im Prolog schimmert die goldene Klinge so hell, dass Kyrene kaum wegsehen kann. Ein paar Zeilen später bleibt der Blick an den Tränen hängen, die sich in den Gravuren sammeln. Ich mochte, wie eng diese Bilder beieinanderliegen. Das Schwert wirkt in diesem Moment prächtig und beinahe fürsorglich, obwohl es Kyrene etwas beibringt, das mir beim Lesen sofort Bauchschmerzen bereitet hat. Mit ihrer Wut kann sie weitergehen. Für ihre Trauer ist gerade kein Platz. Auffällig fand ich auch den Wechsel zwischen den kurzen, stockenden Fragen des Mädchens und den ruhigen, vollständigen Antworten der Klinge. Man hört den Unterschied zwischen jemandem, der noch nach Worten für das Geschehene sucht, und einer Stimme, die bereits weiß, wie sie es nennen will.
Die ewige Nacht hat für mich hier etwas anderes als die Dunkelheit der Unterwelt in den beiden vorherigen Büchern. Sie liegt über einem Land, in dem Menschen seit Jahren ihren Alltag unter Kriegsbedingungen organisieren müssen. Das macht die Stimmung für mich besonders trostlos. Gleichzeitig hat die Geschichte durch Kyrenes Beruf und den Auftrag, den sie annimmt, einen klaren Vorwärtsdrang. Ich fand es reizvoll, wie unterschiedlich schnell sich die beiden zentralen Konflikte entwickeln. Die Jagd setzt Kyrene unter unmittelbaren Druck, während ich bei Septimus lange auf die Bedeutung einer Bemerkung oder das Motiv hinter einem Angebot zurückkommen konnte. Seine Art, ein Gespräch zu führen, und Kyrenes Bereitschaft, eine Situation auch einmal eskalieren zu lassen, halten mich auf unterschiedliche Weise bei der Stange. Gelegentlich habe ich mich deshalb mehr auf den nächsten Wortwechsel gefreut als auf den nächsten Kampf.
Eine der größten Stärken des Romans ist für mich, dass Kyrene auch dann interessant bleibt, wenn ich ihre Entscheidungen für schlecht halte. Sie wirkt glaubwürdig, weil ich verstehe, warum sie in bestimmten Situationen lieber sofort handelt. Warten würde bedeuten, sich einzugestehen, wie wenig sie an dem ändern kann, was ihr bereits genommen wurde. Septimus bringt mit seinem Kalkül eine ganz andere Art mit, die Kontrolle zu behalten. Ich mochte die Reibung zwischen den beiden besonders dann, wenn ich beiden dieselbe Frage stellen wollte. Was wäre ihnen noch wichtig, wenn sie ihr jeweiliges Ziel plötzlich nicht mehr verfolgen könnten? Diese Neugier aufeinander hat für mich mehr zur romantischen Spannung beigetragen als ihre Feindschaft allein.
An manchen Stellen hätte ich mir nach der Gewalt mehr Raum für ihre Folgen gewünscht. Der Prolog bleibt lange genug bei Kyrene, dass mich ihre Reaktion stärker trifft als das blutige Bild selbst. Das ist für mich der Maßstab, an dem ich auch die späteren Auseinandersetzungen gemessen habe. Je drastischer die Bilder werden, desto wichtiger ist mir, dass ein Moment danach noch nachwirken kann. Ähnlich ging es mir mit den Prophezeiungen und Flüchen. Ich wollte verstehen, welchen Preis eine Entscheidung für Kyrene hat. Sobald mehrere Bedingungen gleichzeitig wichtig werden, hat mich das Entschlüsseln der Zusammenhänge etwas aus dieser Nähe herausgeholt.
Mein Eindruck
Persönlich ist mir Kyrene am nächsten gekommen, als sie im Prolog darauf besteht, wütend zu sein, während ihr längst die Tränen übers Gesicht laufen. Darin steckt für mich auch etwas von der erwachsenen Kyrene. Ich konnte verstehen, weshalb es ihr leichter fällt, einem Ziel hinterherzujagen, als sich mit einem Verlust aufzuhalten, gegen den sie nichts mehr ausrichten kann. Das hat mich öfter berührt als ihre besonders entschlossenen Momente. Bei Septimus brauchte ich länger. Ich habe ihm auch dann noch misstraut, als ich längst neugierig auf ihn war. Gerade das hat mir an der Annäherung gefallen. Wenn Kyrene etwas an ihm wiedererkennt, das ihr von sich selbst vertraut ist, bekommt jede kleine Verschiebung zwischen ihnen Gewicht. Ich war gespannt darauf, ob sie diese Ähnlichkeit als Grund begreift, sich ihm zu öffnen, oder ob sie sich gerade deswegen vor ihm in Acht nimmt.
Für mich ist The Lion and the Deathless Dark ein starker Auftakt für das Bloodborn Duet, weil die Götterjagd und die Liebesgeschichte an derselben wunden Stelle ansetzen. Kyrene hat gute Gründe für ihre Wut, und der Roman lässt mich darüber nachdenken, wie viel diese Wut ihr inzwischen abverlangt. Septimus ist für mich als Gegenüber gerade deshalb interessant, weil ich ihm durchaus zutraue, ihre Entschlossenheit zu bewundern und sie zugleich für seine eigenen Zwecke einzusetzen. Den kleinen Abzug machen für mich die Stellen aus, an denen die Gewalt schneller aufeinanderfolgt, als ich ihre Folgen aufnehmen konnte, und die Abschnitte, in denen die Mythologie kurz mehr Aufmerksamkeit verlangt als die Figuren. Das Bild, das mir bleibt, ist ohnehin ganz einfach. Eine junge Frau hält eine leuchtende Klinge in den Händen und bekommt von ihr gesagt, welches Gefühl ihr jetzt noch etwas nützt. Nach diesem Auftakt interessiert mich vor allem, welche Antwort Kyrene sich im zweiten Teil selbst geben würde.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Wer düstere Vampir-Romantasy, moralisch graue Figuren und langsam wachsende Anziehung zwischen Feinden mag, dürfte an Kyrenes und Septimus’ Geschichte seine Freude haben.
