Dream-Harbor-3 – 368 Seiten – 2025 erschienen
Mit Kiss Me in Winter – Eine sugar coated Romance entführt Laurie Gilmore ihre Leserinnen und Leser zum dritten Mal in die charmante Kleinstadt Dream Harbor. Obwohl die einzelnen Bände jeweils ein anderes Liebespaar in den Mittelpunkt stellen und grundsätzlich unabhängig voneinander gelesen werden können, lohnt sich die chronologische Reihenfolge. Bekannte Figuren und Schauplätze tauchen erneut auf und verstärken das Gefühl, in eine vertraute Gemeinschaft zurückzukehren. Diesmal verbindet Laurie Gilmore eine klassische Grumpy-meets-Sunshine-Konstellation mit Forced Proximity, weihnachtlicher Kleinstadtidylle und einer modernen Interpretation der Grinch-Geschichte. Kira North hasst Weihnachten und hat ausgerechnet eine Weihnachtsbaumfarm gekauft. Bennett Ellis hingegen begegnet seiner Umwelt mit einer offenen, hilfsbereiten Art und lässt sich selbst von Kiras abweisendem Verhalten nur bedingt abschrecken. Damit vertauscht die Autorin zugleich die häufig verwendeten Geschlechterrollen dieses Tropes: Nicht der männliche Protagonist ist der mürrische Einzelgänger, dessen harte Schale geknackt werden muss, sondern Kira übernimmt die Rolle des weiblichen Grinchs.
Kira North möchte einen Neuanfang. Dafür kauft sie eine heruntergekommene Weihnachtsbaumfarm am Rand von Dream Harbor, obwohl sie mit Weihnachten so wenig anfangen kann wie vermutlich kaum ein anderer Mensch. Die Farm bietet allerdings nicht die idyllische Ruhe, auf die Kira gehofft hat. Das Wohnhaus muss renoviert werden, die Arbeit wächst ihr zunehmend über den Kopf und die Bewohnerinnen und Bewohner von Dream Harbor sind ausgesprochen hartnäckig darin, sie in ihre Gemeinschaft aufnehmen zu wollen. Kira hält trotzdem an ihrer Unabhängigkeit fest und begegnet jedem Hilfsangebot mit Misstrauen.
Bennett Ellis verbringt seinen Urlaub in Dream Harbor, um seine Schwester Jeanie zu besuchen und Abstand von seinem eigenen Alltag zu gewinnen. Eigentlich möchte er endlich damit aufhören, ständig die Probleme anderer Menschen lösen zu müssen. Als er Kira begegnet, erkennt er jedoch schnell, dass auf ihrer Farm deutlich mehr repariert werden muss als ein paar morsche Bretter. Kiras abweisende Art sollte ihn abschrecken, weckt aber vielmehr seine Neugier.
Als ein Schneesturm Ben dazu zwingt, auf der Farm Schutz zu suchen, können sich die beiden nicht länger aus dem Weg gehen. Zwischen verschneiten Tannen, funkelnden Lichterketten und heißer Schokolade entsteht eine Nähe, mit der keiner von ihnen gerechnet hat. Doch während Ben beinahe instinktiv auf andere Menschen zugeht, hat Kira gute Gründe dafür, niemanden zu dicht an sich heranzulassen.
Laurie Gilmores Schreibstil ist leicht, zugänglich und stark auf Atmosphäre ausgerichtet. Die Sprache erzeugt schnell jene gemütliche Stimmung, die man inzwischen untrennbar mit Dream Harbor verbindet. Schneebedeckte Tannen, warme Lichter, heiße Getränke und eine eingeschneite Farm bilden eine beinahe filmische Kulisse. Beim Lesen entsteht das Gefühl, in eine romantische Weihnachtskomödie einzutauchen, die man am liebsten unter einer Decke und mit einer Tasse Kakao genießen möchte. Die winterlichen Details wirken zwar bewusst idealisiert, erfüllen aber genau die Erwartungen, die der Roman durch seinen Titel und sein Cover weckt.
Gleichzeitig bleibt die Weihnachtsidylle nicht bloße Dekoration. Die Farm spiegelt Kiras inneren Zustand wider: Sie ist vernachlässigt, von der Außenwelt abgeschnitten und benötigt mehr Fürsorge, als Kira allein aufbringen kann. Während die Gebäude allmählich wieder bewohnbar werden und Licht zwischen die dunklen Bäume gelangt, beginnt auch Kiras sorgfältig errichtete Schutzmauer Risse zu bekommen. Die Weihnachtsbaumfarm wird dadurch zu einem Symbol für Heilung und Zugehörigkeit. Gerade hier zeigt sich die Verbindung zum Grinch-Klassiker besonders deutlich. Wie der Grinch betrachtet Kira die Begeisterung der anderen zunächst aus der Distanz. Ihre Ablehnung richtet sich jedoch weniger gegen Weihnachten selbst als gegen die Verletzlichkeit, die mit Nähe, Erwartungen und Erinnerungen verbunden ist.
Das Erzähltempo ist überwiegend ruhig, ohne vollkommen spannungsarm zu werden. Die Handlung lebt weniger von großen Wendungen als von Dialogen, zufälligen Begegnungen und der zunehmenden Vertrautheit zwischen Kira und Ben. Ihre Dynamik entwickelt sich aus Reibung: Kira möchte keine Hilfe annehmen, während Ben kaum anders kann, als Unterstützung anzubieten. Daraus entstehen humorvolle Wortwechsel, aber auch ernstere Gespräche über Grenzen, Selbstständigkeit und die Frage, wann Hilfsbereitschaft tatsächlich hilfreich ist.
Die romantische Entwicklung besitzt deutliches Knistern und wird durch explizitere Szenen ergänzt. Diese passen grundsätzlich zur Anziehung zwischen den Figuren, stehen jedoch teilweise in einem spürbaren Kontrast zur fast märchenhaften Weihnachtsatmosphäre. Wer eine vollkommen harmlose, zurückhaltende Wohlfühlromanze erwartet, sollte deshalb wissen, dass der Roman durchaus Spice enthält. Die Übersetzung liest sich flüssig und bewahrt den lockeren, modernen Ton der Geschichte.
Eine der größten Stärken des Romans ist die Umkehrung des vertrauten Grumpy-Sunshine-Musters. Kira darf widerspenstig, gereizt und wenig zugänglich sein, ohne dass ihre Persönlichkeit vollständig geglättet wird. Ihr Verhalten ist nicht immer sympathisch, wirkt aber in vielen Situationen nachvollziehbar. Besonders überzeugend ist, dass ihre Entwicklung nicht darin besteht, plötzlich Weihnachten zu lieben. Vielmehr lernt sie, zwischen aufdringlicher Einmischung und ehrlicher Unterstützung zu unterscheiden. Ihre Wandlung erinnert damit an den Grinch, erhält aber eine emotional realistischere Begründung: Ihr „zu kleines Herz“ muss nicht vergrößert werden, es muss lediglich wieder Vertrauen fassen.
Auch Ben ist mehr als der unkomplizierte Sonnenschein an Kiras Seite. Sein ständiger Wunsch, Probleme zu lösen, wird nicht nur als liebenswerte Eigenschaft dargestellt. Der Roman hinterfragt, ob Helfen manchmal auch eine Möglichkeit sein kann, sich nicht mit den eigenen Bedürfnissen beschäftigen zu müssen. Dadurch ergänzen sich Kira und Ben glaubwürdig: Sie muss lernen, Hilfe anzunehmen, während er akzeptieren muss, dass nicht jedes Problem von ihm gelöst werden kann.
Weniger überzeugend ist die teilweise vorhersehbare Konfliktgestaltung. Einige Entwicklungen folgen sehr deutlich den bekannten Stationen einer saisonalen Liebeskomödie. Auch die Geheimnisse rund um die Farm und ihre Vorbesitzer hätten stärker ausgearbeitet werden können. Hier deutet die Geschichte eine zusätzliche Ebene an, die letztlich recht schnell abgehandelt wird. Zudem wirkt die Gemeinschaft von Dream Harbor gelegentlich fast zu perfekt. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind stets zur Stelle, wodurch Kiras Wunsch nach Ruhe nicht immer ernst genug genommen wird. Was als warmherzige Fürsorge gedacht ist, kann deshalb stellenweise grenzüberschreitend wirken.
Persönlicher Eindruck
Für mich war Kiss Me in Winter vor allem ein ausgesprochen atmosphärisches Leseerlebnis. Die verschneite Weihnachtsbaumfarm, die funkelnden Lichter und das eingeschlossene Zusammensein während des Schneesturms erzeugen genau jene wohlige Winterstimmung, die ich mir von einem saisonalen Roman wünsche. Besonders gefallen hat mir, dass Kira nicht sofort zur liebenswerten Heldin wird. Sie kann anstrengend und ungerecht sein, gleichzeitig spürt man hinter ihrer abweisenden Haltung eine große Unsicherheit. Dadurch fühlte sich ihre Entwicklung verdienter an, als wenn Ben lediglich mit genügend Charme ihre schlechte Laune vertrieben hätte.
Ben mochte ich ebenfalls, weil seine Freundlichkeit nicht mit Naivität gleichgesetzt wird. Seine ruhige Beharrlichkeit bildet einen angenehmen Gegenpol zu Kira, ohne dass er sie permanent bevormundet. Am stärksten waren für mich jene Momente, in denen sich ihre Beziehung nicht durch große romantische Gesten, sondern durch praktische Fürsorge entwickelt. Gemeinsame Arbeit, kleine Aufmerksamkeiten und die Bereitschaft, den anderen wirklich wahrzunehmen, wirken glaubwürdiger als jede perfekt inszenierte Liebeserklärung.
Die Interpretation des Grinch-Motivs hat mir besonders gut gefallen, weil sie nicht zu wörtlich ausfällt. Kira hasst Weihnachten nicht aus Boshaftigkeit. Sie hat vielmehr verlernt, sich als Teil einer Gemeinschaft zu begreifen. Weihnachten steht somit sinnbildlich für alles, was sie vermeidet: Nähe, Traditionen, Erwartungen und die Möglichkeit, erneut enttäuscht zu werden. Dass ausgerechnet eine Weihnachtsbaumfarm zu ihrem Rückzugsort wird, besitzt eine schöne Ironie. An einigen Stellen hätte ich mir dennoch mehr Tiefe und weniger vorhersehbare Romantik gewünscht.
Kiss Me in Winter ist eine warmherzige, humorvolle und knisternde Winterromanze, die genau das bietet, was ihr Setting verspricht: verschneite Landschaften, Lichterketten zwischen Tannen, eine eingeschneite Farm, vertraute Bewohnerinnen und Bewohner sowie zwei Menschen, die lernen müssen, Nähe zuzulassen. Laurie Gilmore interpretiert den Grinch-Klassiker als moderne Liebesgeschichte über Einsamkeit, Selbstschutz und Zugehörigkeit. Dabei wird Weihnachten nicht als magische Lösung für alle Probleme dargestellt. Entscheidend ist vielmehr die Erkenntnis, dass Gemeinschaft nur entstehen kann, wenn Hilfe angeboten, aber auch angenommen wird.
Kira und Ben ergänzen sich durch ihre Gegensätze, besitzen jedoch beide eigene Entwicklungsmöglichkeiten. Besonders Kiras Rolle als weiblicher Grinch hebt die Geschichte von vielen anderen Grumpy-Sunshine-Romanen ab. Gleichzeitig bleibt die Handlung über weite Strecken vorhersehbar, einige interessante Nebenstränge werden zu schnell beendet und die Kleinstadtgemeinschaft wirkt gelegentlich beinahe übertrieben fürsorglich.
Trotz dieser Schwächen hat mich der Roman mit seiner Atmosphäre und seinen Figuren gut unterhalten. Er ist nicht die tiefgründigste Weihnachtsgeschichte, aber eine charmante, angenehm emotionale Lektüre für kalte Tage.
✨ Bewertung: 4 von 5 Sternen
Wer romantische Kleinstadtgeschichten, Forced Proximity, Found Family und eine großzügige Portion Weihnachtsstimmung liebt, dürfte sich auf der Farm von Dream Harbor sehr wohlfühlen.
