In dieser Rezension

von Adelina

The Fallen and the Kiss of Dusk

von Carissa Broadbent
608 Seiten · 2025 erschienen · ★★★★☆ 4 von 5 Sternen
  • enemies to lovers
  • fantasy
  • forbidden love
  • morally grey
  • romantasy
  • spicy romance
  • strong fmc
  • vampire romance

Wie viel darf man von sich selbst verlangen, um einen Menschen zu retten? Diese Frage ist mir beim Lesen von The Fallen and the Kiss of Dusk immer wieder durch den Kopf gegangen. Nach The Songbird and the Heart of Stone wollte ich vor allem wissen, wie es mit Mische und Asar weitergeht. Im ersten Teil hatte mich berührt, wie langsam die beiden lernen, aufeinander zu achten. Im Finale hat mich ausgerechnet diese Fürsorge manchmal nervös gemacht. Beide wissen, was der Verlust des anderen für sie bedeuten würde, und sind entsprechend schnell bereit, selbst einen hohen Preis zu zahlen. Ich konnte das verstehen und habe mir trotzdem mehr als einmal gewünscht, sie würden erst miteinander sprechen, bevor einer von ihnen entscheidet, was der andere verkraften muss.
Carissa Broadbents Roman ist der vierte Hauptband von Crowns of Nyaxia und schließt als zweiter Teil des Shadowborn Duet Misches und Asars Geschichte ab. Die düstere Vampir-Romantasy setzt unmittelbar an die Ereignisse des Vorgängers an. Ich würde die beiden Bände direkt hintereinander lesen, weil viele der emotionalen Konflikte hier aus Entscheidungen entstehen, die im ersten Teil noch ganz anders aussahen. Auch das Verhältnis zwischen der Liebesgeschichte und der Welt hat sich für mich verschoben. Im Vorgänger war ich vor allem mit Mische unterwegs und habe durch sie die Unterwelt kennengelernt. Jetzt wollte ich wissen, was passiert, wenn jemand wie Asar, der ihre Regeln so gut kennt, einen Grund hat, sie zu brechen.

Inhalt

Zu Beginn trennt Mische und Asar eine Grenze, die sich selbst in einer Welt voller Magie kaum überwinden lässt. Asar steht unter der Gewalt der Götter und sucht nach einem Weg zurück zu Mische. Als eine Göttin eine Möglichkeit eröffnet, wieder zueinanderzufinden, ist ihr Angebot an einen Auftrag gebunden. Die beiden sollen sich die Macht des Todesgottes aneignen. Damit könnte Asar selbst zur Gottheit aufsteigen. Ob ihnen diese Aussicht tatsächlich mehr Freiheit verschafft, ist angesichts derer, die über solche Macht wachen, von Anfang an fraglich.
Ihre Suche führt sie durch sterbliche und unsterbliche Reiche, wo sie auf alte Verbündete und neue Gegner treffen. Die Unterwelt droht auseinanderzubrechen, während sich die Götter auf einen Krieg vorbereiten. Damit wird die Frage, was Mische und Asar füreinander zu tun bereit sind, auch für Menschen und Vampire wichtig, die an dieser Entscheidung gar nicht beteiligt sind. Die beiden haben zunehmend weniger Zeit, sich darüber klarzuwerden, wem sie trauen können und was ausgerechnet die Göttin, die ihnen geholfen hat, von ihnen erwartet. Gerade diese Unsicherheit hat mich durch die ersten Kapitel getragen. Ich konnte gut nachvollziehen, warum die beiden sich auf das Angebot einlassen, und hatte zugleich das Gefühl, dass sie dessen Folgen noch kaum überblicken können.

Atmosphäre

Broadbents Sprache hat mir am besten gefallen, wenn die Unterwelt durch Misches Wahrnehmung kurz etwas Vertrautes bekommt. Gleich zu Beginn erinnert sich Mische daran, wie sie als Kind von einer Strömung erfasst wurde. Was ihr von diesem Moment geblieben ist, ist die überraschende Stille, während das Ufer immer weiter wegrückte. Diese Erinnerung hat bei mir mehr Unruhe ausgelöst als manches Ungeheuer im weiteren Verlauf. Mische kann die Ruhe beinahe genießen, obwohl ich beim Lesen schon spüre, dass sie ihr gefährlich werden könnte. Ähnlich geht es mir mit den Rissen am Himmel. Broadbent lässt sie wie offene Wunden wirken und gibt damit einer Bedrohung, die zunächst schwer vorstellbar ist, etwas Körperliches. Der Anfang hat mich gerade deshalb gepackt, weil ich mich in dieser Umgebung ebenso langsam orientieren musste wie Mische.
Der Wechsel zwischen den Ich-Perspektiven von Mische und Asar verändert die Stimmung gegenüber dem Vorgänger. Bei Mische ist mir besonders aufgefallen, wie selbstverständlich sie ihre Erfahrungen noch immer an dem misst, was man ihr früher über Glauben und Opfer beigebracht hat. Im ersten Kapitel kehrt sie mehrfach zu derselben Frage über den Tod zurück. Mit jeder Wiederholung rückt das, was sie selbst empfindet, ein Stück weiter von der Antwort ab, die sie einmal anderen gegeben hätte. Asars Perspektive hat mich aus einem anderen Grund interessiert. Aus Misches Blickwinkel war seine Zurückhaltung oft schwer einzuordnen. Hier konnte ich besser verstehen, wie schnell sein Wunsch, jemanden zu beschützen, in den Wunsch übergeht, alles selbst unter Kontrolle zu behalten. Am deutlichsten habe ich den Unterschied zwischen den Stimmen in den ruhigeren Passagen gespürt. Sobald beide unter Zeitdruck stehen, klingt ihre innere Dringlichkeit mitunter sehr ähnlich.
Das Erzähltempo zieht für mein Empfinden gegenüber The Songbird and the Heart of Stone an. Broadbent führt zügig von einer Gefahr zur nächsten, und die Schauplätze wechseln häufiger. Das hat der Geschichte den Zug gegeben, den ich mir für ein Finale gewünscht habe. In einzelnen Passagen hätte ich allerdings gern noch einen Moment bei den Figuren verbracht, bevor sie auf die nächste Bedrohung reagieren müssen. Ich wusste oft genau, was auf dem Spiel stand. Wie sich das für Mische und Asar nach einer überstandenen Gefahr anfühlte, hätte ich an ein paar Stellen gern länger miterlebt.
Die größte Stärke des Finales ist für mich, dass ich Mische und Asar ihre Liebe auch dann abgenommen habe, wenn ich ihre Entscheidungen schwierig fand. Gerade bei Asar hat mir der zusätzliche Blick in seine Gedanken geholfen. Seine Entschlossenheit hat etwas Berührendes, solange man sieht, wovor er eigentlich Angst hat. Sie kann aber auch erdrückend werden, wenn er sich schon ausgemalt hat, was er für Mische tun muss, bevor sie selbst zu Wort kommt. Dass ich ihm in diesen Momenten widersprechen wollte, hat mein Interesse an ihm eher verstärkt. Bei Mische mochte ich, dass ihr Mitgefühl über die Menschen hinausreicht, die sie persönlich liebt. Dadurch bekommt die drohende Zerstörung der Unterwelt für mich ein Gewicht, das über die Frage hinausgeht, ob die beiden zusammenbleiben können.
Weniger gut funktioniert hat für mich die Häufung der großen Prüfungen. Wenn Entscheidungen wiederholt darauf hinauslaufen, wer den gefährlicheren Teil übernimmt oder wem ein Opfer zugemutet werden kann, verlieren manche Momente an Schärfe. Vereinzelt hätte ich mir auch bei den Regeln rund um göttliche Macht mehr Übersicht gewünscht. Zwischen den Interessen der Götter und den unmittelbaren Gefahren musste ich gelegentlich kurz innehalten, um auseinanderzuhalten, welches Ziel gerade Vorrang hatte. Umso lieber waren mir die Passagen, in denen eine Entscheidung aus einem Gespräch heraus verständlich wurde. Da konnte ich mit den beiden mitgehen, selbst wenn mir die Einzelheiten ihrer Mission weniger wichtig waren.

Mein Eindruck

Beim Lesen habe ich besonders oft über Misches Umgang mit Schuld nachgedacht. Schon im Vorgänger hatte ich manchmal den Impuls, ihr zu sagen, sie müsse sich Zuneigung nicht erst verdienen. Im Finale habe ich stärker gespürt, wie tief diese Vorstellung bei ihr sitzt. Mich berührt an ihr, dass sie anderen Verständnis entgegenbringen kann, während sie mit sich selbst so streng bleibt. Auch deshalb war mir das frühe Bild der Strömung so nah. Ich konnte verstehen, warum sich die Aussicht, für einen Augenblick mit dem Kämpfen aufzuhören, für sie beinahe tröstlich anfühlt. Bei Asar hat mich dagegen überrascht, wie viel Verletzlichkeit gerade in seinem Drängen steckt. Ich mochte die beiden besonders in den Momenten, in denen man merkt, dass sie den anderen längst gut genug kennen, um seine Ausflüchte zu bemerken, und trotzdem noch lernen müssen, ihm die eigene Entscheidung zuzutrauen.
Für mich ist The Fallen and the Kiss of Dusk ein überzeugendes Finale für Mische und Asar. Die brüchige Unterwelt und der drohende Götterkrieg geben der Geschichte die Größe, die ich mir nach dem Vorgänger erhofft hatte. Emotional hat mich der Roman am stärksten erreicht, wenn die beiden für einen Moment darüber nachdenken können, was ihre Entscheidungen dem jeweils anderen abverlangen. Für genau solche Momente hätte ich auf die eine oder andere Prüfung verzichten können. Auch hätte ich gern etwas länger bei den Folgen mancher Entscheidungen verweilt. Dass ich dem Vorgänger in seiner ruhigeren Art stellenweise näher war, schmälert für mich wenig, wie gern ich Mische und Asar bis zum Ende begleitet habe. Im Gedächtnis bleiben mir vor allem Misches Stimme am Anfang und die Frage, wie viel Vertrauen es braucht, einen geliebten Menschen selbst entscheiden zu lassen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Wer düstere Vampir-Romantasy, gefährliche Götter und Liebesgeschichten mag, in denen Hingabe ihre eigenen Konflikte schafft, dürfte an diesem Finale seine Freude haben.

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