In The Songbird and the Heart of Stone hat mich ausgerechnet eine Kerze am Anfang am schnellsten wieder in Carissa Broadbents Welt gezogen. Mische sitzt in einer Zelle und versucht, einen Docht zu entzünden. Für sie hängt an dieser kleinen Flamme die Frage, ob der Gott, dem sie einmal ihr ganzes Leben anvertraut hat, sie noch hört. Ich kannte Mische aus den ersten beiden Bänden als jemanden, dessen Wärme mir in dieser ziemlich erbarmungslosen Vampirwelt sofort aufgefallen war. Hier habe ich zum ersten Mal richtig darüber nachgedacht, wie viel Kraft es sie kosten könnte, sich diese Wärme zu bewahren. Je besser ich sie kennengelernt habe, desto anders habe ich auch auf die Mische zurückgeblickt, die mir in Orayas und Raihns Geschichte begegnet ist.
Der Roman ist der dritte Hauptband von Crowns of Nyaxia und eröffnet mit Mische und Asar das Shadowborn Duet. Nach dem Ende des Nightborn Duet habe ich mich gefragt, wie sich die Reihe mit einem neuen Paar anfühlen würde. Die düstere Romantasy bleibt Broadbents Vampirwelt treu, rückt diesmal aber deren Götter und die Unterwelt in den Mittelpunkt. Wo mich im Vorgänger die Frage beschäftigt hat, wem am Hof überhaupt zu trauen ist, wollte ich hier wissen, was es für Mische bedeuten würde, an ihrem Gott zu zweifeln. Diese Verschiebung hat mir gefallen, weil ich das Gefühl hatte, in derselben Welt einen Teil zu entdecken, der für Mische schon lange da war.
Inhalt
Mische wurde gegen ihren Willen in eine Vampirin verwandelt. Damit verlor sie ihr bisheriges Leben und die Nähe zu Atroxus, dem Sonnengott, dem sie sich verschrieben hatte. Nun ist sie im Haus der Schatten gefangen und soll hingerichtet werden. Asar, ein Prinz dieses Hauses, bewahrt sie vor der Vollstreckung des Urteils, weil er sie für einen Auftrag braucht. Er soll in die Unterwelt hinabsteigen und Alarus, den Gott des Todes, wieder zum Leben erwecken. Misches Verbindung zur Sonnenmagie ist für sein Vorhaben entscheidend. Für sie hängt an dieser Reise zunächst vor allem die Aussicht, überhaupt am Leben zu bleiben.
Dann meldet sich Atroxus mit einem eigenen Auftrag bei ihr. Auf einmal steht für Mische auch die Möglichkeit im Raum, sich die Gunst ihres Gottes zurückzuverdienen. Das verlangt von ihr allerdings eine Loyalität, die sich mit Asars Vorhaben kaum vereinbaren lässt. Während die beiden auf dem Weg in die Tiefe nach den für das Ritual nötigen Relikten suchen, begegnen ihnen Geister und Gefahren, die sie immer wieder zur Zusammenarbeit zwingen. Mische muss mit jedem Schritt mehr von ihrer Sicherheit in Asars Hände legen. Dass sie sich in seiner Nähe zunehmend wohlfühlt, macht die Frage, was sie ihm anvertrauen kann, für sie umso schwieriger.
Atmosphäre
Broadbents Sprache gefällt mir hier besonders, wenn ein Bild aus Misches Alltag später eine ganz andere Bedeutung bekommt. Licht ist für sie anfangs etwas Vertrautes. Sie verbindet es mit Schutz, Zuwendung und einem klaren Platz in der Welt. Gleichzeitig kann genau die Magie, nach der sie sich sehnt, ihre Haut verbrennen. Diese Verbindung aus Sehnsucht und körperlichem Schmerz hat mir Misches Glauben nähergebracht als jede Erklärung über die Götterordnung. Ich fand auch den Kontrast zur Unterwelt spannend. Sobald Mische auf Asars Totenmagie trifft, klingt in ihren Beobachtungen neben dem Entsetzen immer wieder Neugier mit. Sie will verstehen, was er tut, selbst wenn sie gelernt hat, sich davor zu fürchten. An solchen Stellen mochte ich ihre Stimme besonders. Inmitten all der düsteren Bilder bleibt sie aufmerksam für Dinge, die auch mich als Leserin kurz innehalten lassen.
Die Nähe zu Mische macht die Rückblicke für mich zu einem wichtigen Teil der Erzählung. Wenn sie sich an ihre Kindheit oder an die Zeit vor ihrer Verwandlung erinnert, verstehe ich besser, warum sie in der Gegenwart so lange an bestimmten Überzeugungen festhält. Manchmal hat mich gerade der Abstand zwischen ihrer Erinnerung und meinem Eindruck davon getroffen. Etwas kann sich für Mische nach Zuwendung anfühlen, während ich mich beim Lesen schon frage, welche Gegenleistung von ihr erwartet wird. Dadurch entsteht eine leisere Form von Spannung als bei den Begegnungen mit den Toten. Ich habe darauf geachtet, mit welchen Worten Mische sich selbst beruhigt und an welcher Stelle ihr diese Worte plötzlich weniger Halt geben.
Der Abstieg selbst hat einen gut erkennbaren Rhythmus. Die Suche nach den Relikten gibt der Reise eine Richtung, und die Rückblicke unterbrechen diesen Weg immer wieder. Meistens hat dieser Wechsel für mich funktioniert. Nach einer gefährlichen Etappe konnte eine Erinnerung erklären, weshalb Mische ausgerechnet auf eine scheinbar beiläufige Bemerkung so heftig reagiert. Zwischendurch hatte ich aber auch das Gefühl, den Ablauf der nächsten Etappe schon zu kennen. Am stärksten fand ich die Unterwelt, wenn eine Begegnung mit den Toten etwas an meinem Blick auf Mische oder Asar verändert hat. Dann kam die Beklemmung für mich ganz unmittelbar aus der Geschichte der Figuren.
Die größte Stärke des Romans liegt für mich darin, wie eng Misches Glaube mit der Liebesgeschichte verbunden ist. Asar kann ihr Fragen stellen, die in ihrem bisherigen Leben kaum Platz hatten. Weil er selbst so zurückhaltend ist, bekommen kleine Gesten zwischen den beiden viel Gewicht. Ich mochte, dass ihre Nähe zunächst aus etwas sehr Praktischem wächst. Sie brauchen die Fähigkeiten des jeweils anderen, und im Laufe der Reise lernen sie, genauer hinzusehen, wenn der andere Hilfe braucht. Für mich wurde die Anziehung dadurch glaubwürdig, lange bevor mich interessiert hat, wie weit sie ihr nachgeben würden.
Ein paar Passagen im Mittelteil hätte ich dennoch gestrafft. Wenn gleichzeitig erklärt wird, was ein Relikt bedeutet, welche Regeln für die nächste Prüfung gelten und welche Geschichte sich hinter einem Ort verbirgt, musste ich mich stärker auf die Mechanik der Reise konzentrieren als auf die Figuren. Einzelne Gefahren sind mir deshalb weniger deutlich im Gedächtnis geblieben als die Ruhe danach. Auch bei Misches Schuldgefühlen habe ich manche Gedanken früh verstanden, während der Text sie später noch einmal ausführlich aufgreift. Gerade weil die Rückblicke so viel über sie erzählen, hätte ich an diesen Stellen gern etwas länger bei dem geblieben, was eine Szene bereits gezeigt hatte.
Mein Eindruck
Emotional war ich näher bei Mische, als ich nach den ersten Seiten erwartet hatte. Ich wollte manchmal, dass sie wütender wird, und habe gleichzeitig verstanden, warum ihr der Gedanke so schwerfällt. Wenn sie Atroxus’ Gunst infrage stellt, gerät für sie schließlich auch die Erinnerung an eine Zeit ins Wanken, in der sie sich gebraucht und geliebt gefühlt hat. Dieser Gedanke hat mich stärker beschäftigt als die Frage, wie mächtig die Götter in dieser Welt sind. Bei Asar hat es etwas gedauert, bis ich hinter seiner Verschlossenheit mehr als den rätselhaften Prinzen gesehen habe. Gerade deshalb mochte ich die ruhigeren Momente zwischen den beiden, in denen er Mische aufmerksam beobachtet und sie selbst noch damit beschäftigt ist, über den eigenen Schmerz hinwegzugehen. Schon die frühe Szene, in der er wahrnimmt, was es sie körperlich kostet, ihre Magie einzusetzen, hat für mich mehr Nähe aufgebaut als ein offener Flirt es an dieser Stelle gekonnt hätte.
Für mich ist The Songbird and the Heart of Stone ein starker Auftakt für Misches und Asars Geschichte. Die Unterwelt hat der Reihe eine eigene, beklemmende Atmosphäre gegeben, und die langsame Annäherung der beiden hat mich gerade wegen der vielen unausgesprochenen Dinge überzeugt. Den kleinen Abzug machen für mich die ähnlich aufgebauten Etappen und die Momente aus, in denen mir die Regeln der Reise ausführlicher erklärt wurden, als ich sie zum Mitfiebern gebraucht hätte. Am Ende blieb ich vor allem bei Mische hängen. Ich wollte wissen, wie sie über sich selbst denken würde, wenn sie ihren Wert einmal unabhängig davon betrachten könnte, ob Atroxus ihr antwortet. Dass mich diese Frage mehr beschäftigt hat als der Ausgang der nächsten Prüfung, sagt für mich viel darüber aus, was Broadbent mit diesem Band gelungen ist.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Wer düstere Vampir-Romantasy, unheimliche Unterweltreisen und Liebesgeschichten mag, in denen Nähe langsam aus gegenseitiger Aufmerksamkeit wächst, dürfte an diesem Band seine Freude haben.
