An The Ashes and the Star-Cursed King hat mich überrascht, wie sehr mich ausgerechnet die stillen Momente beschäftigt haben. Nach The Serpent and the Wings of Night hatte ich vor allem Lust darauf, wieder in Carissa Broadbents düstere Vampirwelt einzutauchen. Ich wollte wissen, wie es mit Oraya und Raihn weitergeht, und hatte mit gefährlichen Bündnissen, blutigen Auseinandersetzungen und einer Menge angestauter Gefühle gerechnet. Bekommen habe ich auch eine Geschichte darüber, wie schwer es ist, jemanden zu lieben, wenn man anfangen muss, die eigene Erinnerung an diese Person zu hinterfragen. Gerade bei Oraya fand ich das schmerzhaft greifbar. Ihre Vergangenheit ist für sie gleichzeitig ein Ort, an den sie sich zurücksehnt, und einer, dem sie mit jeder neuen Frage weniger trauen kann.
Der Roman ist der zweite Band der Crowns of Nyaxia-Reihe und schließt das Nightborn Duet um Oraya und Raihn ab. Ich würde ihn unbedingt nach Band eins lesen, weil selbst beiläufige Bemerkungen zwischen den beiden von ihrer gemeinsamen Geschichte leben. Als düstere Romantasy fühlt sich die Fortsetzung vertraut an, setzt ihre Schwerpunkte aber anders. Das Kejari hat der Handlung im Auftakt einen klaren Rhythmus gegeben. Hier verteilt sich die Gefahr auf einen ganzen Hof, und ich habe beim Lesen viel öfter darüber nachgedacht, was jemand mit einem höflichen Satz gerade verschweigt. Die Welt wirkt dadurch größer, obwohl Orayas Handlungsspielraum anfangs so eng ist wie selten zuvor.
Inhalt
Nach dem Kejari ist Oraya in ihrem eigenen Königreich gefangen. Der Hof, an dem sie aufgewachsen ist, bietet ihr kaum noch Sicherheit, und ausgerechnet über ihre Herkunft tauchen Fragen auf, die sie mit dem, was sie bisher über ihre Familie wusste, kaum vereinbaren kann. Auch zwischen ihr und Raihn steht inzwischen so viel, dass jedes Gespräch eine Zumutung sein könnte. Als er ihr heimlich ein Bündnis anbietet, eröffnet sich ihr die Möglichkeit, wieder Einfluss auf ihr eigenes Schicksal zu nehmen. Dafür müsste sie sich auf einen Menschen verlassen, dessen Nähe ihr einmal selbstverständlich erschien und dessen Absichten sie jetzt bei jedem Wort prüft.
Während Oraya versucht, sich in dieser Lage zurechtzufinden, wächst der Druck auf das Haus der Nacht. Teile des Adels halten an ihren Vorstellungen darüber fest, wer überhaupt das Recht hat, über sie zu herrschen. Zugleich verfolgt das Haus des Blutes eigene Interessen. Für Oraya führt die Suche nach einem Ausweg zurück zu den Geheimnissen ihres Vaters und zu einer alten Macht, deren Bedeutung sie erst verstehen muss. Das Bündnis mit Raihn kann ihr dabei Türen öffnen, doch seine Ziele und ihre eigenen decken sich nur so weit, wie es die Umstände gerade zulassen.
Atmosphäre
Broadbents Sprache hat mir dort am besten gefallen, wo sie zwischen feierlichem Ton und sehr unmittelbaren Gedanken wechselt. Der Prolog hat etwas beinahe Sagenhaftes. Die Stimme hält zunächst Abstand und spricht von Liebe und Untergang mit einer Gewissheit, die dem Einstieg etwas Unheilvolles gibt. Sobald Orayas und Raihns Ich-Perspektiven übernehmen, rückt die Erzählung näher an das, was gerade passiert. Oraya beobachtet, wägt ab und sucht in Gesprächen nach dem Punkt, an dem sie sich eine Blöße geben könnte. In Raihns Kapiteln bekommen Begegnungen am Hof ein anderes Gewicht. In einer förmlichen Geste kann für ihn die Erinnerung daran stecken, wie dieselben Leute ihn früher behandelt haben. Das hat mir mehr über die Rangordnung dieser Welt vermittelt als jede Erklärung darüber, wie die Häuser aufgebaut sind.
Die Perspektivwechsel verändern auch die Wirkung der Liebesgeschichte. Aus Orayas Sicht konnte ich gut verstehen, weshalb sie selbst bei einem vertrauten Tonfall auf der Hut bleibt. Wenn Raihn erzählt, spürt man, wie viel Mühe es ihn kostet, in derselben Situation gelassen zu wirken. Gerade in ihren Dialogen mochte ich die Mischung aus trockenen Spitzen und Augenblicken, in denen eine Antwort plötzlich ausbleibt. Ein beiläufiger Scherz kann an die Vertrautheit aus Band eins erinnern und zugleich zeigen, wie wenig von ihr im Moment übrig ist. Der Wechsel gibt Raihn mehr Kontur, nimmt manchen Begegnungen aber auch etwas von ihrer Ungewissheit. Gelegentlich hätte ich gern länger mit Orayas Zweifel ausgehalten, bevor ich erfahren habe, was hinter seiner Fassade steckt.
Beim Tempo habe ich gemerkt, wie sehr mir der feste Takt des Kejari noch im Kopf saß. Hier vergeht mehr Zeit damit, Absichten zu prüfen, Informationen zusammenzutragen und abzuwägen, was ein Zug am Hof auslösen könnte. Die Atmosphäre profitiert davon. Selbst in vergleichsweise ruhigen Szenen bleibt spürbar, wer sich im selben Raum frei bewegen kann und wer aufpassen muss, welches Gesicht er zeigt. Wenn die Gewalt dann offen ausbricht, werden die Sätze und die Aufmerksamkeit der Figuren unmittelbarer. Zwischen diesen Polen hat der Roman für mich allerdings einen etwas ungleichmäßigen Rhythmus. Manche Kapitel enden genau an der Stelle, an der ich weiterlesen musste. Bei anderen war ich froh über eine Pause.
Eine der größten Stärken des Romans ist für mich, wie Broadbent Orayas Verhältnis zu Vincent behandelt. Ich konnte nachvollziehen, weshalb eine Erinnerung an ihn sie tröstet, obwohl sie gute Gründe hat, ihm zu misstrauen. Die beiden Empfindungen dürfen gleichzeitig da sein. Dadurch bekommen auch die Fragen nach ihrer Herkunft mehr Gewicht. Oraya sucht nach Informationen über ihre Familie und muss dabei neu einschätzen, wie viel von dem, was sie für ihre eigenen Überzeugungen hielt, aus Vincents Erziehung stammt. Die Geschichte bekommt an diesen Stellen eine Tiefe, die ich von der Ausgangslage am Hof allein kaum erwartet hätte.
Mit der politischen Handlung war ich etwas weniger durchgehend glücklich. Ich mochte, dass Herkunft und gesellschaftlicher Rang ganz konkrete Folgen dafür haben, wessen Wort am Hof Gewicht besitzt. Bei manchen Absprachen hätte ich allerdings gern schneller erfahren, was sie für Oraya oder Raihn bedeuten. Gerade im Mittelteil stehen mehrere Interessen und Loyalitäten nebeneinander, während die zentrale Auseinandersetzung zwischen den beiden eine Weile auf der Stelle tritt. Auch ihre inneren Zweifel werden gelegentlich noch einmal ausführlich ausgesprochen, obwohl ich sie aus einem vorherigen Gespräch längst verstanden hatte. Da hätte ich mir etwas mehr Vertrauen in die Wirkung der Dialoge gewünscht.
Mein Eindruck
Persönlich war ich beim Lesen am stärksten bei Oraya, wenn sie sich ihrer eigenen Reaktion auf Raihn unsicher ist. Ich hätte es ihr gegönnt, ihn einfach wütend aus dem Zimmer zu schicken und sich für einen Moment im Recht zu fühlen. Stattdessen reicht manchmal schon eine vertraute Bemerkung, damit sie sich wieder daran erinnert, weshalb ihr dieser Mensch überhaupt so viel bedeutet. Dass mich das zugleich berührt und geärgert hat, passt für mich zu dieser Liebesgeschichte. Ich wollte, dass die beiden sich wieder ehrlich begegnen können, und war trotzdem erleichtert, wenn Oraya nach einem guten Gespräch am nächsten Tag immer noch Fragen hatte. Bei Raihn hat mich vor allem interessiert, wie empfindlich er auf die Geringschätzung des Adels reagiert. Seine Perspektive macht verständlich, weshalb er so viel Wert darauf legt, vor anderen souverän zu wirken. Je besser ich das verstanden habe, desto mehr wollte ich sehen, wie er sich in Situationen verhält, in denen ihm diese Souveränität wenig nützt.
Für mich ist The Ashes and the Star-Cursed King ein überzeugender Abschluss des Nightborn Duet, weil er Oraya und Raihn die Zeit gibt, sich mit dem auseinanderzusetzen, was zwischen ihnen steht. Am meisten habe ich aus dem Band mitgenommen, wie eng für Oraya die Frage nach Vertrauen mit der Frage verbunden ist, wer sie in dieser Welt sein möchte. Darin liegt für mich auch der Reiz der dunkleren, politischeren Fortsetzung. Selbst die Gespräche über Macht können sehr persönlich werden, wenn ich verstehe, was die Figuren zu verlieren fürchten. Ein paar Passagen in der Mitte hätte ich gestrafft, und stellenweise hätte ich gern selbst länger über Raihns Beweggründe gerätselt. Trotzdem sind es gerade Orayas widersprüchliche Gefühle für die Menschen, die ihr am nächsten stehen, die mir von beiden Bänden besonders im Gedächtnis bleiben. Beim Zurückdenken habe ich vor allem die Momente vor Augen, in denen sie sich in einem Gespräch beinahe sicher fühlt und dann doch noch einmal nachfragt. Für diese leisen Verschiebungen hat sich das langsamere Tempo für mich meistens gelohnt.
Bewertung: 5 von 5 Sternen
Wer düstere Vampir-Romantasy, höfische Intrigen und Liebesgeschichten mag, in denen Vertrauen erst wieder wachsen muss, wird an diesem Abschluss seine Freude haben.
