Mit Love Me to Death verbindet B. K. Borison eine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit einer Frage, die mich an diesem Buch besonders angesprochen hat: Was bedeutet es eigentlich, wirklich zu leben? Ausgerechnet eine Sensenfrau steht im Mittelpunkt dieses Gedankens. Darcy Moore begleitet andere ins Jenseits, während sie selbst das Gefühl nicht loswird, um ihre eigenen Möglichkeiten gebracht worden zu sein. Ihr Gegenüber ist Gabriel Aetos, ein Schutzengel, dessen Aufgabe ihrer zunächst grundlegend widerspricht. Diese Konstellation verspricht Reibung, scharfzüngige Wortwechsel und eine Anziehung, die unter denkbar schlechten Voraussetzungen entsteht. Für mich liegt ihr besonderer Reiz aber darin, dass beide Figuren mehr mitbringen als ihre übernatürlichen Fähigkeiten.
Der Roman gehört zum Genre Paranormal Romance und ist nach Good Spirits der zweite Band der Ghosted-Reihe. Trotz der Beschäftigung mit Tod und Vergänglichkeit besitzt die Geschichte eine warme, stellenweise ausgesprochen verspielte Ausstrahlung. Gleichzeitig sollte man hinter dem charmanten Konzept keine ausschließlich unbeschwerte Unterhaltung erwarten. Einsamkeit, Trauer und die Suche nach einem selbstbestimmten Dasein gehören wesentlich dazu. Genau diese Verbindung macht den Roman für mich interessant: Er gibt seinen Figuren Gelegenheit, einander zu begehren, sich aneinander zu reiben und dabei die Überzeugungen zu hinterfragen, mit denen sie sich bisher durch ihre Existenz bewegt haben.
Inhalt
Darcy hat ihre Arbeit als Sensenfrau satt. Anstatt ihre nächste zugewiesene Seele wie vorgesehen ins Jenseits zu begleiten, beschließt sie, den betreffenden Menschen zu retten. Damit stellt sie sich gegen die Regeln jener Organisation, für die sie tätig ist. Ihr Auftrag führt sie nach Annapolis, wo sie Gabriel begegnet. Der Schutzengel arbeitet als Barkeeper und betrachtet Darcys Auftauchen mit erheblichem Misstrauen. Für ihn bedeutet eine Sensenfrau in seinem Zuständigkeitsbereich vor allem eines: Gefahr für jemanden, den er möglicherweise beschützen könnte. Dass Darcy andere Absichten verfolgt, passt zunächst nicht in sein Weltbild.
Zwischen den beiden entsteht schließlich eine Vereinbarung: Darcy bietet Gabriel Informationen über ihren Auftrag an, wenn er ihr dabei hilft, Erfahrungen nachzuholen, für die ihr zu Lebzeiten die Gelegenheit fehlte. Diese Liste unerfüllter Wünsche bringt sie einander näher, während ihre unterschiedlichen Aufgaben weiterhin zwischen ihnen stehen. Mir gefällt an dieser Ausgangslage, dass das gemeinsame Zeitverbringen einen nachvollziehbaren emotionalen Anlass bekommt. Darcy möchte sich etwas zurückholen, das ihr fehlt. Gabriel wiederum muss entscheiden, ob er seiner bisherigen Einschätzung einer ganzen Gruppe von Wesen mehr vertraut als der Person, die tatsächlich vor ihm steht.
Atmosphäre
Borisons Sprache lebt von einer Mischung aus unmittelbaren Gefühlen, anschaulichen Alltagsbeobachtungen und trockenem Humor. Besonders deutlich wird das bereits im Einstieg, der Darcys schmerzhafte Erinnerung an ihren eigenen Tod mit ihrem ernüchternden Arbeitsalltag im Jenseits verbindet.Ihre bissigen Gedanken lassen ihre Verletzlichkeit erkennen, ohne dass sie diese ständig ausdrücklich benennen muss. Hinter der gereizten Fassade bleibt spürbar, wie viel Kraft sie ihre Existenz kostet.
Auch die Atmosphäre profitiert von dieser Verbindung. Das Jenseits besitzt mit seinen Zuständigkeiten und Arbeitsabläufen etwas irritierend Vertrautes. Die Vorstellung, dass selbst übernatürliche Wesen mit organisatorischen Zumutungen konfrontiert sind, bietet reichlich komisches Potenzial. Gleichzeitig macht diese Alltäglichkeit Darcys Unzufriedenheit verständlich. Ihre Existenz hat einen Zweck, aber dieser Zweck erfüllt sie längst nicht mehr. Für mich steckt darin ein leiser, wirkungsvoller Konflikt. Man kann gebraucht werden und sich trotzdem verloren fühlen. Der Roman gewinnt dort an Tiefe, wo er diesen Widerspruch bestehen lässt und Darcys Sehnsucht nach Veränderung ernst nimmt.
Die romantische Spannung entsteht aus der Verbindung von deutlicher körperlicher Anziehung und wesentlich langsamer wachsendem Vertrauen. Gerade bei Gabriel ist das entscheidend, weil sein Misstrauen mehr verlangt als ein paar charmante Begegnungen. Die Dialoge geben der Beziehung Bewegung, während die emotionalen Hintergründe ihr Gewicht verleihen.
Beim Erzähltempo liegt für mich allerdings auch ein möglicher Schwachpunkt: Die Geschichte braucht Raum für die Annäherung, wodurch der äußere Konflikt zeitweise weniger präsent wirkt. Wer eine rasch voranschreitende Fantasyhandlung erwartet, dürfte sich stellenweise mehr Dynamik wünschen. Für mich funktioniert der ruhigere Rhythmus vor allem dann, wenn die gemeinsamen Erfahrungen tatsächlich eine neue Seite der Figuren sichtbar machen.
Die größte Stärke liegt für mich in Darcy. Ihre Müdigkeit angesichts des Todes ist mehr als eine originelle Charakteridee. Sie berührt die Frage, wie lange man eine zugeschriebene Rolle ausfüllen kann, bevor die eigenen Bedürfnisse darin verschwinden. Dass sie nach menschlichen Erfahrungen sucht, gibt ihrem Aufbegehren eine konkrete Richtung. Dadurch steht ihre Entwicklung auch unabhängig von Gabriel auf einer tragfähigen Grundlage. Die Liebesgeschichte gewinnt zusätzlich, weil Nähe für sie nicht selbstverständlich ist und Vertrauen etwas bedeutet, das sie sich erst wieder erlauben muss.
Etwas weniger überzeugend finde ich die Regeln der übernatürlichen Welt. Die Verbindung aus Schicksal, beruflicher Verpflichtung und persönlicher Entscheidungsfreiheit wirft Fragen auf, deren Grenzen nicht immer gleichermaßen klar wirken. Gerade weil die Konsequenzen von Darcys Handeln wichtig sind, hätte ich mir hier stellenweise mehr Präzision gewünscht. Auch Gabriels anfängliche Haltung verlangt Geduld. Sein Beschützerinstinkt erklärt sein Verhalten, macht jedoch nicht jede Reaktion automatisch sympathisch. ür mich sind das nachvollziehbare Schwächen, die den emotionalen Kern nicht aufheben, aber verhindern, dass die Geschichte vollkommen mühelos wirkt. Ihre vertrauten romantischen Muster benötigen zudem die persönlichen Hintergründe, um über die reizvolle Grundkonstellation hinauszutragen.
Mein Eindruck
Persönlich berührt mich an Darcy besonders, dass ihre Wünsche trotz der außergewöhnlichen Umstände so verständlich bleiben. Sie möchte Erfahrungen machen, dazugehören und sich als jemand begreifen dürfen, dessen Existenz auch um ihrer selbst willen zählt. Darin liegt für mich die stärkste Verbindung zur Figur. Ihre Sehnsucht richtet sich auf etwas, das für andere selbstverständlich erscheint. Gerade deshalb bekommt die Liste ihrer Wünsche eine Bedeutung, die weit über romantische Unternehmungen hinausgeht. Jeder Schritt darauf kann als Versuch verstanden werden, sich ein eigenes Verhältnis zum Leben zurückzuerobern.
Bei Gabriel interessiert mich vor allem die Spannung zwischen seiner Fürsorge und seiner Überzeugung, bereits zu wissen, wie die Dinge einzuordnen sind. Seine Entwicklung gewinnt dort an Glaubwürdigkeit, wo er genauer hinsehen muss. Für mich entsteht die schönste Form romantischer Nähe aus dieser Aufmerksamkeit: Ein Mensch oder Wesen wird nicht länger nur anhand seiner Funktion beurteilt. Die Kombination aus Darcys Lebenssehnsucht und Gabriels Schwierigkeiten, Kontrolle abzugeben, trägt deshalb viel von der emotionalen Wirkung. Besonders ansprechend finde ich die Momente, in denen unter der Reibung Rücksichtnahme erkennbar wird. Sie verleihen der Anziehung eine Grundlage, die über äußere Attraktivität hinausgeht und die Verletzlichkeit beider Figuren berücksichtigt.
Love Me to Death überzeugt mich vor allem durch die Verbindung seiner ungewöhnlichen Liebesgeschichte mit sehr menschlichen Bedürfnissen. Darcy und Gabriel begegnen einander mit Vorbehalten, Sehnsüchten und Verletzungen, die ihre Annäherung verständlich machen. Der Humor sorgt für Leichtigkeit, während die Beschäftigung mit Vergänglichkeit verhindert, dass die Geschichte bloß bei ihrem charmanten Einfall stehen bleibt. Besonders Darcy gibt dem Roman eine emotionale Mitte: Ihr Wunsch, endlich mehr zu erfahren als Abschied, verleiht sowohl der Handlung als auch der romantischen Entwicklung Bedeutung. Für eine uneingeschränkte Höchstwertung bleiben mir die Regeln der Welt zu stellenweise undeutlich und einzelne Abschnitte zu wenig vorwärtsgerichtet. Auch Gabriel macht es einem nicht immer leicht. Dennoch überwiegen für mich die Stärken deutlich. Die zugängliche Sprache, die Spannung zwischen den Figuren und die Verbindung von Lebensfreude und Melancholie ergeben eine stimmige Mischung. Empfehlen würde ich das Buch besonders Leserinnen, die übernatürliche Liebesgeschichten mögen, in denen emotionale Entwicklung mehr Raum bekommt als komplexe Magiesysteme oder große Abenteuer.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Wer sich auf diesen Schwerpunkt einlässt, findet hier eine romantische Geschichte mit Humor, Wärme und einer nachdenklichen Seite.
