Not-Quite-Dead-Yet – 480 Seiten – 2025 erschienen – Lübbe-Verlag
Not Quite Dead Yet ist der erste Roman von Holly Jackson ausdrücklich für ein erwachsenes Publikum, nachdem sie sich zuvor vor allem mit ihrer A Good Girl’s Guide to Murder-Reihe und anderen Young-Adult-Thrillern einen Namen gemacht hat. Genre-mäßig bewegt sich Not Quite Dead Yet eindeutig im Spannungsfeld von Thriller, Murder-Mystery und Psychodrama – mit starkem Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen, Geheimnisse, Schuld und Aufarbeitung. Im Vergleich zu Jacksons YA-Arbeiten spürt man sofort: Die Themen sind düsterer, die Konsequenzen härter, die Charaktere älter. Wichtig ist auch: Obwohl es der erste „Erwachsenen-Thriller“ ist, trägt er viele typische Elemente ihrer früheren Bücher, zum Beispiel überraschende Wendungen, komplexe familiäre Verstrickungen und dunkler Humor, weiter. Die Erwartungen sind hoch: Kann Jackson das gleiche Niveau halten, während sie in ein reiferes Terrain vordringt?
Jet Mason, 27, hat das Gefühl, ihr Leben laufe nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte: Sie hat ihr Jurastudium abgebrochen, lebt wieder im Elternhaus und ringt mit Schuldgefühlen und dem Druck, Erwartungen zu erfüllen. Eines Halloween-Abends geht sie nach Hause, wird von einem unbekannten Angreifer überfallen und erleidet eine schwere Schädelverletzung. Im Krankenhaus stellt sich heraus, dass ein Knochenfragment an eine große Gehirnarterie drückt, und dass ein operativer Eingriff, der riskant ist, sie unter Umständen retten könnte. Doch Jet weigert sich, sie weiß, dass ihr nur noch wenige Tage bleiben, bevor ein tödliches Aneurysma zuschlägt. tattdessen fasst sie einen ungewöhnlichen Entschluss: Sie will ihre letzten Tage nutzen, um herauszufinden, wer sie angegriffen hat, also sozusagen ihren eigenen Mordversuch aufzuklären. Unterstützt wird sie dabei von Billy, einem Freund aus Kindertagen, der sich als Vertrauter erweist. Jet muss sich durch ein Netz aus Lügen, alten Freunden, Familiengeheimnissen und Verdächtigen navigieren, oftmals unter großem Zeitdruck, persönlicher Angst und physischen Beschwerden. Die Handlung ist auf ein kurzes Fenster begrenzt – „nur“ wenige Tage –, was die Spannung von Anfang an in die Höhe treibt.
Holly Jacksons Stil in diesem Buch ist eine spannende Mischung: klar, direkt, häufig sarkastisch und manchmal dunkel humorvoll, zugleich aber eindringlich emotional. Jet erzählt oft aus der Ich-Perspektive, sodass man ihre Gedanken, Ängste, Wut und Unsicherheit hautnah miterlebt. Diese Innenperspektive verleiht der Handlung eine starke Intimität. Man fühlt sich Jet nahe, fühlt ihre Frustration, wenn sie mit sich selbst hadert, ihre Wut auf die Familie oder ihre eigene Prokrastination. Gleichzeitig gibt es Momente, in denen sie Witze macht über ihre Situation, über die Idee, dass sie „bald tot sein wird“, und diese kleinen Einwürfe mildern die Schwere, ohne das Drama zu banalisieren.
Das Tempo ist größtenteils hoch: Die Geschichte zieht von Anfang an an, es gibt kaum Leerlauf, da Jet nicht viel Zeit hat. Die Handlung wechselt zwischen Momenten der Recherche, der Reflexion und immer wieder physischen oder psychischen Krisen Jet’s, etwa wenn sich Symptome verschlimmern oder Erinnerungen hochkommen. Atmosphärisch hat das Buch eine düstere Spannung: kleine Dinge wirken bedrohlich, das Misstrauen gegenüber fast jedem Charakter, die Angst vor dem, was nicht gesagt wurde, all das schafft eine latent beklemmende Stimmung, gerade in Kontrast zu der idyllischen Kleinstadt Vermont und Jet’s privilegiertem Umfeld. Auch die Umgebung – Herbst, Halloween, das Heim-Setting – trägt dazu bei, dass man sich eingehüllt fühlt in eine Welt, die vertraut und doch gefährlich ist. Und je näher Jet dem Ende kommt, desto intensiver werden die Szenen, nicht nur wegen der Handlung, sondern auch weil gesundheitliche und emotionale Grenzen überschritten werden.
Die Sprache ist nicht übertrieben literarisch verspielt, sondern eher funktional, mit Fokus auf Emotion und Spannung. Jackson nutzt Details, Erinnerungen und Dialoge geschickt, um Charaktere zu entwickeln und sowohl die Vergangenheit als auch die schwüle Gegenwart sichtbar zu machen. Manchmal sind die Beschreibungen drastisch, aber nötig, besonders wenn Jet körperliche Schmerzen oder die drohenden Konsequenzen ihrer Verletzung erlebt. Insgesamt: Ein Stil, der zugänglich ist, aber nicht oberflächlich, der Spannung aufrechterhält und zugleich Raum lässt für Reflexion.
Eine der größten Stärken dieses Buches ist eindeutig sein Konzept: Die Idee, dass die Hauptfigur selbst Opfer eines Verbrechens ist und gleichzeitig Zeitdruck hat, weil ihr Tod unmittelbar bevorsteht. Das gibt der Geschichte etwas Einzigartiges, etwas existenziell Dringliches, das über den normalen Thriller hinausgeht. Zudem gelingt es Jackson, Jet als vielschichtige Protagonistin zu zeichnen: sie ist verletzlich, wütend, zweifelnd, und doch mutig. Man glaubt ihr sowohl ihre Verzweiflung als auch ihren Kampfgeist. Ebenso stark ist die emotionale Tiefe, die Familientragödien, das Aufbrechen alter Schuld, das Nichtwissen, wem man vertrauen kann. Diese psychologische Dimension hebt das Buch über „nur Rätselraten“ hinaus. Auch die Wendungen sind gut gesetzt: Es gibt falsche Fährten, Überraschungen, Momente, in denen man denkt, man habe das Muster erkannt – nur damit es sich doch anders verhält. Spannung und Unvorhersehbarkeit sind in großer Zahl vorhanden.
Schwächen finde ich aber auch. Zum einen schwankt manchmal die Glaubwürdigkeit von Jet, nicht im Sinne, dass sie unglaubwürdig wirkt, sondern dass man sich fragt: Würde eine Frau wissen, dass sie innerhalb von Tagen sterben wird, wirklich so stark auf Ermittlungen fokussiert sein? Es gibt Momente, da wirkt ihre Motivation beinahe übertrieben heldenhaft, fast so, als müsse jede Sekunde dramatisch sein. Das kann mitunter Spannung, aber auch Distanz schaffen, wenn man sich fragt: Kann ich mich in sie hineinversetzen? Zweitens sind einige Nebenfiguren weniger stark ausgebaut. Jet’s Familie, etwa, und manche Verdächtige bleiben in Teilen stereotyp bzw. unklar, man hört viel über sie, aber seltener erlebt man ihre innere Welt direkt. Das schmälert etwas die emotionale Wirkung der familiären Konflikte, obwohl sie zentral sind. Drittens: Der Ton schwankt. Die Mischung aus schwarzem Humor und ernsten, fast grausamen Momenten gelingt meistens sehr gut, doch in manchen Szenen fühlte ich, dass der Humor zu sehr bemüht ist, als wolle er die Schwere überspielen. Das kann dazu führen, dass manche Szenen weniger wirken, als sie sollten, weil man sich auf das Witzige konzentriert statt auf das schmerzliche.
Persönlicher Eindruck
Als ich Not Quite Dead Yet gelesen habe, war ich von Anfang an gefesselt. Das tickende Zeitfenster erzeugt diese Mischung aus Traurigkeit und „Ich möchte wissen, was passiert“. Ich wollte wissen, wer sie angegriffen hat, aber auch wie sie mit der Tatsache umgeht, dass ihre Lebenszeit beschränkt ist, das bringt jede Entscheidung, jede Erinnerung, jede Dialogzeile ins Gewicht. Jet ist eine dieser Heldinnen, bei denen man einerseits mit ihr hadert („Warum tust du dir das an?“), andererseits sie bewundert („Wie stark bist du, dass du nicht einfach aufgibst?“). Ich habe gelacht über ihre bissigen Kommentare, mit ihr gezittert in Momenten der Schwäche und mich manchmal ein bisschen schlecht gefühlt, weil sie so sehr kämpft und doch eben nicht alles kontrollieren kann. Billy, ihr Kindheitsfreund, wurde mir schnell sympathisch. Er wirkt ehrlich, verlässlich und gibt dem Buch eine Stimme der Normalität bzw. Unterstützung, gegen Jet’s Sturm aus Selbstzweifeln und Geheimnissen. Szenen, in denen Jet sich an ihre Schwester erinnert, an Entscheidungen, die sie vermieden hat, oder an Briefe, die unausgesprochen blieben, da hat das Buch mich tief getroffen. Besonders stark waren die Momente, in denen Jet körperlich leidet, nicht so beschrieben, dass es übertrieben grauenhaft wird, aber roh, echt spürbar. Diese Mischung aus Verletzlichkeit und Trotz, aus Liebe und Schmerz bleibt lange nachdem man das Buch zugeschlagen hat.
Manche Wendungen haben mich überrascht, manche erst kurz vorher ahnen lassen, und trotzdem war es nie vorhersehbar. Dieses Kribbeln, wenn eine Theorie sich formt, aber dann kippt, das liebe ich. Ich wünschte mir manchmal mehr Ruhepunkte, mehr Zwischenräume, in denen man atmen kann, besonders gegen Ende, wenn alles eskaliert, aber vielleicht wäre das auf Kosten der Dringlichkeit gegangen. Insgesamt hat das Lesen mich emotional mitgenommen: Hoffnung, Wut, Trauer, aber auch Momente von Wärme und Verbundenheit. Ich dachte über meine eigenen Beziehungen nach, darüber, was unausgesprochen bleibt, wie man mit Schuld und mit verbleibender Zeit umgeht.
Zusammenfassend ist Not Quite Dead Yet ein sehr gelungenes Debüt von Holly Jackson im Erwachsenen-Thriller-Bereich. Das Buch überzeugt mit einem originellen und starken Konzept, einer Protagonistin, die tief verwundet und dennoch kämpferisch ist, und einer Geschichte, die Spannung sowie emotionale Tiefe vereint. Nicht alles funktioniert perfekt, gelegentlich leidet die Glaubwürdigkeit unter der Dringlichkeit, manche Nebenfiguren bleiben blass und manches Humorvolle wirkt ein bisschen zu trotzig, aber insgesamt überwiegen die positiven Aspekte. Wer Thriller liebt, die nicht nur Rätsel bieten, sondern auch das Herz berühren und nicht davor zurückschrecken, Traurigkeit und Wut mitzudenken, wird hier sehr gut bedient.
✨ Bewertung: 4 von 5 Sternen
Ein sehr starkes Werk, mit kleinen Abzügen, das ich weiterempfehlen kann, besonders für Leser*innen, die sowohl Spannung als auch charakterliche und emotionale Tiefe suchen.
