Ever-&-After-Reihe-1 – 576 Seiten – 2023 erschienen – Ravensburger-Verlag
Ever & After 1 – Der schlafende Prinz ist der Auftakt einer Märchen-Fantasy-Reihe der deutschen Autorin Stella Tack. Der Roman vereint Elemente von Romantasy und Dark Fantasy und greift bekannte Märchenmotive auf, verwebt sie aber mit eigenen, düsteren Ideen. Rain White, eine Nachfahrin von Schneewittchen, ist die Protagonistin, und schon allein durch diesen familiären Bezug wird klar: Das Buch hebt sich damit ab von typischen modernen Fantasygeschichten – es verbindet Altbekanntes mit Neuem. Tack ist bereits bekannt für andere Jugend- und Fantasywerke, und mit dieser Reihe wagt sie sich in einen Bereich, in dem Romantik, Horror, Abenteuer und Märchen zusammenfinden. In Deutschland ist der erste Band schnell erfolgreich gewesen und stieß auf großes Interesse – das liegt sicher nicht nur an der Autorin, sondern an der ungewöhnlichen Mischung von märchenhaften Elementen und einer deutlich düsteren, fast schon brutalen Atmosphäre.
Rain White ist Teil einer Familie, die von Schneewittchen abstammt. Am Tag ihres 18. Geburtstags gerät ihr Leben in Bewegung, denn in der Gruft unter dem Tower of London soll sie den schlafenden Prinzen küssen, eine Tradition, um Magie in die Welt zurückzubringen. Doch dieser Kuss bringt mehr ins Rollen, als sie erwartet: Nicht nur der Prinz erwacht, sondern auch ein uralter Fluch, der die Familien der Märchenfigurennachfahren gefährdet. Rain muss sich sieben Prüfungen stellen, um diesen Fluch zu brechen und die Märchenfamilien zu retten. Dabei spielt nicht nur ihr Mut, sondern auch ihr Herz eine große Rolle, denn Gefühle, Loyalitäten und persönliche Schwächen bringen sie in Konflikte. Es ist ein Abenteuer voller Rätsel, Gefahren und moralischer Entscheidungen, ohne dass die zentrale Liebesgeschichte zu sehr dominierend wäre, sondern sie ist verwebt mit den Bedrohungen, die Rain bewältigen muss.
Stella Tack schreibt flüssig und mit einer Mischung aus jugendlicher Direktheit und düsterer, fast märchenhafter Bildsprache. Zu Beginn ist der Ton eher zurückhaltend, sie nutzt Rains Alltag, ihre Freunde, Schule und kleine Rebellionen gegen familiäre Erwartungen, um eine Nähe zur Protagonistin herzustellen. Diese Szenen sind lebendig, oft gewürzt mit Ironie und Sarkasmus, was Rain sympathisch und greifbar macht. Mit Einsetzen der übernatürlichen Ereignisse und insbesondere ab dem Moment, in dem der Kuss gewirkt hat, wird das Tempo spürbar angezogen, die Stimmung kippt. Dunkle Schatten, Bedrohung, moralische Dilemmata, unheimliche Prüfungen – Tack scheut nicht davor zurück, auch brutalere Elemente einzubauen. Es ist keine reine Wohlfühl-Fantasy, sondern eine Atmosphäre von Spannung, Angst, aber gleichzeitig auch Hoffnung.
Die Kapiteleinleitung ist so gestaltet, dass man zu Beginn kleine Ausschnitte aus bekannten Märchen liest, die einen auf diffuse Art und Weise auf das kommende Kapitel vorbereiten. Die Übergänge sind geschickt gesetzt, Cliffhanger am Ende von Abschnitten fördern den Lesedrang. Trotz zahlreicher Szenen mit Gefahr und Schatten bleibt aber Raum für zwischenmenschliche Momente, für Freundschaft, Zweifel und Selbstreflexion. Die Welt, in der Rain lebt, ist nicht übermächtig phantastisch, sondern ausbalanciert: Es gibt Normalität, Erwartungen, Familiengeschichten, Traditionen und dann die Magie, den Fluch, Blut und die Prüfungen, die alles in Frage stellen.
Sprachlich nutzt Tack viele Metaphern und Bilder, die stark an klassische Märchen erinnern, beispielsweise durch Naturbeschreibungen, düstere Räume wie Gruften oder Türme und dunkle Korridore. Aber sie verdreht die Vertrautheit dieser Bilder durch Kontraste: Schrecken, Gewalt, Schmerz und Zweifel. Das macht die Atmosphäre dicht und ihre Welt fühlbar bedrohlich, aber auch schön auf ihre Weise. Diese Mischung – märchenhaft, romantisch, düster und ab und zu grausam – erzeugt einen Sog, der das Lesen trotz der Länge spannend hält.
Eine der größten Stärken des Buchs ist definitiv die kreative Neuinterpretation von Märchenfiguren und Traditionen. Rain als Schneewittchennachfahrin muss sich nicht mit Rollenklischees abfinden, sie hinterfragt, rebelliert, und das macht sie dynamisch und sympathisch. Die Idee der sieben Prüfungen bringt Struktur, und jede Prüfung bringt neue Arten von Gefahr, Erkenntnis und persönlichem Wachstum. Auch das Spiel mit Erwartungen lässt einen denken, man wüsste, was kommt.
Ein weiterer Pluspunkt ist die emotionale Bandbreite: Es gibt Momente großer Spannung, echte Gefahr, Horror-Elemente, aber auch Humor, Freundschaft, innere Konflikte. Die Balance ist meist gut. Der Schreibstil ist zugänglich genug für Jugendliche, bietet aber auch Tiefe für ältere Leser, die gerne dunklere Fantasy mögen.
Die Länge des Buches jedochverlangt einiges an Geduld, besonders zu Beginn: Der Start zieht sich für manche Leser*innen, die in Rains Alltag erst hineinfinden müssen. Manche Entscheidungen der Protagonistin wirken impulsiv bis widersprüchlich, insbesondere bevor sie sich mit der neuen Situation abgefunden hat. Auch sind nicht alle Nebenfiguren bis zum Ende gleich stark entwickelt; einige Charaktere bleiben blass, und ihre Motivationen sind nicht immer ganz klar oder überzeugend ausgearbeitet. Dazu kommt, dass die Liebesgeschichte, obwohl sie präsent ist, nicht in allen Momenten völlig ausbalanciert ist – manchen Leser*innen wird sie zu nebensächlich sein, anderen vielleicht zu abrupt oder zu wenig vertieft. Der Cliffhanger am Ende ist trotzdem wirksam, er lässt auch einige Handlungsstränge offen, sodass man sich nach Band 2 sehnt.
Persönlicher Eindruck
Während ich Ever & After 1 – Der schlafende Prinz gelesen habe, fühlte ich mich mehrfach hin- und hergerissen: zwischen Faszination und leichter Unsicherheit über die vielen Richtungswechsel. Rains Perspektive hat mich oft berührt, besonders in Momenten, in denen sie mit ihrer Verantwortung hadert, aber zugleich spürt, dass sie keine Wahl hat. Diese inneren Kämpfe machen sie für mich zu einer glaubwürdigen Heldin; ich wollte mit ihr bangen, hoffen, auch einmal verzweifeln.
Die Prüfungen, die sie bestehen muss, sind nicht nur äußere Herausforderungen, sondern stellen immer auch ihre Werte, ihre Beziehungen und ihre Selbstwahrnehmung auf die Probe. Einige Szenen blieben besonders hängen, etwa eine Prüfung, die mehr psychischer Art ist, in der Tacks Beschreibungen von Angst und Hilflosigkeit sehr kraftvoll sind, ohne in Kitsch oder Übertreibung abzurutschen. Ebenso die Momente, in denen Freundschaft und Vertrauen gefragt sind, haben Tiefe gegeben. Auch wenn ich manchmal dachte: „Ach, Rain, überleg doch vorher!“ – gerade diese Fehler machen sie menschlich.
Die düsteren Passagen, mit Blut, Gefahr und moralischen Zweifeln, haben mich überrascht. Ich hatte so etwas nicht ganz erwartet in dieser Form, und sie haben eine Intensität, die das ganze Buch über eine untergründige Spannung erzeugt hat. Dennoch war das Lesen nie überwältigend, eher fordernd im positiven Sinne. Ich konnte kaum Pausen einlegen, weil ich wissen wollte, wie Rain die nächsten Prüfungen bestehen würde, wie stark der Fluch ist, und wie sehr ihr Herz sie führen oder verführen wird.
✨ Bewertung: 4,5 von 5 Sternen
Stella Tack nimmt vertraute Märchenmotive, bricht Erwartungen und führt neue, düstere Elemente ein, ohne die Romantik zu vernachlässigen. Die Mischung aus Abenteuer, Gefahr und Emotion funktioniert gut; gelegentliche Längen und etwas blasse Nebenfiguren werden durch die mitreißenden Prüfungen und die ständige Unsicherheit über Ausgang und Charakterentwicklungen wettgemacht. Ein starkes Buch, das fast alles richtig macht, mit kleinen Abstrichen, aber einem großen Sog, der einen gespannt auf Band 2 schauen lässt.
