The-Wretched-Divine-1 – 656 Seiten – 2026 erschienen
Mit The Wretched Divine – Verflucht beginnt Adalyn Grace eine neue Romantasy-Reihe, die sich deutlich von der verspielten Gothic-Atmosphäre ihrer Belladonna-Trilogie entfernt und stattdessen auf epische High Fantasy, mittelalterlich anmutende Schauplätze und einen erbitterten Krieg zwischen Engeln und Dämonen setzt. Zugleich handelt es sich um den ersten Erwachsenenroman der Autorin. Im Mittelpunkt steht eine menschliche Ritterin, die zwischen zwei übernatürliche Mächte gerät und erkennen muss, dass die Grenze zwischen dem vermeintlich Göttlichen und dem Monströsen erheblich unschärfer verläuft, als sie ihr Leben lang geglaubt hat. Bei dem Buch handelt es sich nicht um eine klassische Neuerzählung im engeren Sinne. Trotzdem greift Adalyn Grace einen der ältesten Stoffe der europäischen Literatur- und Religionsgeschichte auf: den kosmischen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, Himmel und Hölle, göttlicher Ordnung und dämonischem Chaos. Die Autorin übernimmt dieses bekannte Grundmotiv jedoch nicht unkritisch. Vielmehr hinterfragt sie die Vorstellung, dass Zugehörigkeit automatisch etwas über Moral aussagt. Dadurch erinnert der Roman stellenweise an klassische Erzählungen über den Engelsturz, die Versuchung des Menschen und den Verlust vermeintlicher Unschuld, ohne sich vollständig an eine konkrete Vorlage zu binden. Gerade diese moderne Interpretation eines vertrauten Konflikts hat mich besonders angesprochen, denn hinter dem aufwendigen Fantasygewand verbirgt sich eine Geschichte über Macht, Vorurteile und die gefährliche Bequemlichkeit eindeutiger Feindbilder.
Aurelie Chantelune wurde nicht dazu erzogen, ein gewöhnliches Leben zu führen. Als Angehörige einer angesehenen Ritterfamilie besteht ihre Aufgabe darin, das Königreich vor den Dämonen zu schützen, die seit langer Zeit über die Menschen herfallen. Der Verlust ihrer Familie hat ihren Hass auf diese Wesen zusätzlich geschürt. Jahrelang hat sie trainiert, ihre Gefühle kontrolliert und darauf hingearbeitet, ihren ersten Dämon zu töten. Denn erst dann kann sie das besondere Erbe der Chantelunes antreten: eine Seelenbindung mit dem Engel Yuriel, dessen Macht für den Fortbestand des Königreichs von großer Bedeutung ist.
Doch Aurelies bisheriges Weltbild gerät ins Wanken, als Menschen, die ihr nahestehen, aus unerklärlichen Gründen selbst beginnen, sich in jene Kreaturen zu verwandeln, die sie bekämpfen soll. Auf der verzweifelten Suche nach einer Heilung geht sie eine zweite, höchst gefährliche Bindung ein – mit dem Dämon Severin. Dieser behauptet, den Krieg beenden und die Verwandlung rückgängig machen zu können. Aurelie ist nun gleichzeitig mit einem Engel und einem Dämon verbunden, die einander nicht vertrauen und jeweils ihre eigenen Geheimnisse hüten. Während die drei nach Antworten suchen, muss Aurelie zunehmend infrage stellen, was sie über den Krieg, die göttliche Ordnung und ihre eigene Bestimmung zu wissen glaubte. Ihre Suche nach einer Heilung wird damit zugleich zu einer Suche nach der Wahrheit.
Adalyn Graces Schreibstil ist bildgewaltig, sinnlich und von einer fast sakralen Ästhetik geprägt. Die Welt wirkt nicht nur mittelalterlich, sondern stellenweise wie ein lebendig gewordenes Gemälde aus Gold, Blut, Stein und flackerndem Kerzenlicht. Besonders gut gefallen hat mir, wie die Autorin religiöse Symbolik in die Beschreibungen einwebt, ohne den Roman dadurch schwer oder unnötig pathetisch wirken zu lassen. Engel erscheinen nicht ausschließlich als sanfte, lichtvolle Wesen, ebenso wenig sind die Dämonen auf eine eindimensionale Verkörperung des Bösen reduziert. Beide Seiten besitzen etwas Überwältigendes und zugleich Beunruhigendes. Das Göttliche spendet nicht nur Trost, sondern kann auch kontrollieren, blenden und vernichten. Das Dämonische steht dagegen nicht allein für Zerstörung, sondern ebenso für Zweifel, Erkenntnis und das Aufbrechen festgefahrener Ordnungen.
Gerade darin liegt für mich die spannendste Interpretation des klassischen Gut-gegen-Böse-Motivs. Aurelie wurde mit der Gewissheit großgezogen, dass Engel retten und Dämonen verderben. Diese Überzeugung ist so tief in ihr verankert, dass sie zunächst kaum zwischen eigener Erfahrung und anerzogener Wahrheit unterscheiden kann. Ihre Bindung an Yuriel und Severin zwingt sie jedoch dazu, beide Seiten nicht länger als abstrakte Mächte, sondern als individuelle Wesen wahrzunehmen. Der Roman stellt damit eine Frage, die bereits viele klassische Mythen und religiös geprägte Erzählungen beschäftigt: Ist Gehorsam tatsächlich eine Tugend, wenn die Ordnung, der man gehorcht, auf Lügen beruht? Und ist Rebellion automatisch sündhaft, nur weil sie sich gegen eine vermeintlich heilige Autorität richtet?
Das Erzähltempo ist insgesamt hoch. Kämpfe, politische Entwicklungen, Enthüllungen und romantische Spannungen folgen teilweise dicht aufeinander. Dadurch entsteht ein ausgeprägter Sog, der sehr gut zu der permanenten Bedrohung passt. Gleichzeitig hätte ich mir an manchen Stellen etwas mehr Ruhe gewünscht. Das Worldbuilding umfasst zahlreiche Regeln, historische Konflikte und Machtstrukturen, die nicht immer sofort vollständig greifbar sind. Einige Entwicklungen erhalten kaum Zeit, emotional nachzuwirken, bevor bereits das nächste Problem auftritt. Dennoch verliert sich die Geschichte selten in langen Erklärungen. Viele Informationen werden über Konflikte, Gespräche und Aurelies eigene Wahrnehmung vermittelt.
Besonders stark ist die Dynamik zwischen Aurelie, Yuriel und Severin. Beide übernatürlichen Figuren verkörpern unterschiedliche Formen von Macht und Anziehung, bleiben dabei aber mehr als bloße Gegenpole innerhalb einer romantischen Konstellation. Vor allem Severin bringt mit seinem scharfen Humor und seiner provokanten Art Leichtigkeit in die ansonsten düstere Handlung. Yuriel wirkt hingegen kontrollierter und tragischer. Durch die verschiedenen Perspektiven erhalten auch Nebenfiguren und politische Zusammenhänge zusätzlichen Raum. Die romantischen Elemente entwickeln sich nicht losgelöst von der Handlung, sondern sind unmittelbar mit den Seelenbindungen, dem Krieg und der Frage nach persönlicher Freiheit verknüpft.
Die größte Stärke des Romans liegt für mich in seiner Grundidee. Die Verbindung einer menschlichen Ritterin mit einem Engel und einem Dämon eröffnet nicht nur romantisches Konfliktpotenzial, sondern ermöglicht eine interessante Auseinandersetzung mit Loyalität, religiöser Deutungshoheit und moralischer Ambivalenz. Besonders gelungen fand ich, dass Aurelie ihre Überzeugungen nicht plötzlich ablegt. Ihre Entwicklung vollzieht sich über Zweifel, innere Widerstände und schmerzhafte Erkenntnisse. Dadurch bleibt nachvollziehbar, wie schwer es ihr fällt, ein Weltbild zu hinterfragen, das ihr seit ihrer Kindheit vermittelt wurde.
Auch die Atmosphäre konnte mich überzeugen. Das Zusammenspiel aus mittelalterlicher Ritterwelt, himmlischer Macht und körperlich bedrohlichen Dämonen erschafft eindrucksvolle Bilder. Hinzu kommen bissige Dialoge, emotionale Momente und eine romantische Spannung, die nicht nur auf körperlicher Anziehung beruht. Yuriel und Severin besitzen jeweils eine eigene Präsenz, sodass keiner von beiden wie ein austauschbarer Teil eines konstruierten Liebesdreiecks wirkt.
Etwas schwächer empfand ich dagegen die Dichte der Handlung. Gerade zu Beginn werden zahlreiche Begriffe, Figuren und Zusammenhänge eingeführt, während Aurelies persönliche Geschichte gleichzeitig vorangetrieben wird. Dadurch kann der Einstieg trotz des hohen Tempos stellenweise unübersichtlich wirken. Manche Wendungen lassen sich zudem früh erahnen, weil die moralische Fragwürdigkeit der bestehenden Ordnung ziemlich deutlich markiert wird. Der Roman fordert Aurelie zwar dazu auf, ihre Vorurteile zu überwinden, lässt den Leser aber wesentlich früher erkennen, in welche Richtung sich diese Erkenntnis entwickeln wird. Außerdem bleibt der Auftakt erkennbar auf Fortsetzungen ausgerichtet. Nicht jede Frage wird beantwortet, und manche Figurenkonstellationen entfalten bislang eher ihr Versprechen als ihr vollständiges Potenzial.
Persönlicher Eindruck
Ich bin vor allem wegen der Verbindung aus Rittern, Engeln und Dämonen neugierig auf das Buch geworden – und genau diese Mischung hat für mich letztlich auch am besten funktioniert. The Wretched Divine – Verflucht besitzt eine opulente, dunkle Atmosphäre, die mich schnell in die Geschichte hineingezogen hat. Ich mochte das Gefühl, nie vollkommen sicher sein zu können, welcher Seite tatsächlich zu trauen ist. Gleichzeitig empfand ich den Roman nicht als künstlich rätselhaft. Die entscheidenden Hinweise sind vorhanden, werden aber so in Aurelies begrenzte Sicht eingebettet, dass sich Wahrheit und Manipulation lange überlagern.
Aurelie ist keine makellose Heldin. Sie kann starrsinnig, vorschnell und emotional schwer zugänglich sein, doch genau das passt zu ihrer Erziehung. Sie wurde als Waffe geformt und hat gelernt, ihren Wert über Pflichterfüllung und Kampfkraft zu definieren. Deshalb berührten mich vor allem die Momente, in denen diese Rüstung Risse bekommt. Ihre Verletzlichkeit zeigt sich nicht in großen Gesten, sondern häufig in kleinen Unsicherheiten und in der Angst, ohne ihre vorgegebene Aufgabe nicht zu wissen, wer sie eigentlich ist.
Severin gehörte für mich durch seine Mischung aus Gefährlichkeit, Charme und Humor zu den interessantesten Figuren. Gleichzeitig hat mich Yuriel mit seiner kontrollierten, beinahe melancholischen Art überrascht. Gerade weil der Roman nicht nur fragt, zu wem Aurelie sich hingezogen fühlt, sondern auch, was diese Beziehungen über Freiheit, Abhängigkeit und Glauben aussagen, wirkte die romantische Konstellation auf mich spannender als ein gewöhnliches Liebesdreieck. Einige Entwicklungen hätten für meinen Geschmack mehr Raum benötigt, doch insgesamt hat mich die emotionale Dynamik so sehr gepackt, dass ich auch über kleinere Unstimmigkeiten hinwegsehen konnte.
The Wretched Divine – Verflucht ist ein atmosphärisch starker Reihenauftakt, der das klassische Motiv des Kampfes zwischen Engeln und Dämonen in eine moderne, moralisch ambivalente Romantasy überführt. Adalyn Grace erzählt keine einfache Geschichte über Licht und Finsternis. Stattdessen zeigt sie, dass auch das vermeintlich Heilige grausam sein kann und dass das Monströse nicht immer dort zu finden ist, wo es von Autoritäten verortet wird. Besonders die Frage, wer überhaupt bestimmen darf, was göttlich, verdorben oder erlösungswürdig ist, verleiht der Geschichte mehr Tiefe, als die zunächst vertraute Ausgangslage vermuten lässt.
Mich konnten vor allem die dichte Atmosphäre, die spannungsreichen Figurenbeziehungen und die Verbindung aus religiöser Symbolik, Ritterfantasy und romantischer Anziehung überzeugen. Schwächen zeigt der Roman hauptsächlich in seinem teilweise überladenen Worldbuilding und dem sehr hohen Erzähltempo. Manche emotionale Entwicklung hätte stärker gewirkt, wenn sie etwas mehr Zeit bekommen hätte. Zudem bleibt deutlich spürbar, dass dieser Band in erster Linie das Fundament einer größeren Geschichte legt. Trotzdem habe ich Aurelies Weg gerne begleitet. Das Buch ist düster, romantisch, stellenweise überraschend humorvoll und voller moralischer Grauzonen.
✨ Bewertung: 5 von 5 Sternen
Wer epische Romantasy, gefährliche Seelenbindungen und Geschichten liebt, in denen alte Wahrheiten langsam zerbrechen, dürfte mit diesem Auftakt viel Freude haben.
