Zatalon-3 – 344 Seiten – 2026 erschienen
Mit Nuxfarn – Und das Echo der Schatten führt Carmanda Bücherhexe ihre Fantasyreihe rund um Viola, Scooby und die magischen Städte in den dritten Band und setzt unmittelbar dort an, wo die Ereignisse aus Zatalon – Und die Reise der Verwandlung und Fangalton – Und das verborgene Geheimnis hingeführt haben. Entsprechend würde ich diesen Teil keinesfalls unabhängig von seinen Vorgängern lesen, denn die Beziehungen, Verluste und Enthüllungen besitzen ihre eigentliche emotionale Kraft nur mit dem Wissen um Violas bisherige Reise.
Die Handlung beginnt nach den dramatischen Entwicklungen der vorherigen Bände mit einer denkbar ungünstigen Ausgangslage. Oliver hat Aramors unter seine Kontrolle gebracht und verfolgt einen Plan, der weit über die Eroberung einer einzelnen Stadt hinausgeht. Viola befindet sich in seiner unmittelbaren Nähe und muss den Eindruck erwecken, auf seiner Seite zu stehen, während sie gleichzeitig versucht herauszufinden, wie viel von dem Mann, den sie einmal kannte und liebte, überhaupt noch vorhanden ist. Parallel sammeln Scooby und die anderen Verbündeten Unterstützung. Nuxfarn, das Reich der Bienen, wird dabei zu einem entscheidenden Zentrum des Widerstands. Nach und nach treten weitere Völker, magische Wesen und alte Bekannte hinzu, wodurch die bisher eher persönliche Auseinandersetzung immer stärker die Dimension eines Kampfes um die gesamte magische Welt annimmt. Besonders schön finde ich, dass die Geschichte trotzdem nicht ausschließlich auf große Schlachten setzt. Im Kern geht es weiterhin um Viola und um die Frage, wie viel Vertrauen, Erinnerung und Liebe aushalten können, bevor sie endgültig zerbrechen. Gleichzeitig muss sie erkennen, dass Hoffnung allein nicht genügt und dass manche Menschen vielleicht gar nicht gerettet werden wollen. Mehr möchte ich zur eigentlichen Entwicklung gar nicht verraten, denn gerade einige Wendungen funktionieren am besten, wenn man sie nicht kommen sieht.
Stilistisch bleibt Carmanda Bücherhexe der Linie der vorherigen Bände treu. Erzählt wird aus wechselnden Ich-Perspektiven, vor allem aus der Sicht von Viola, Scooby und Oliver. Gerade dieser Perspektivwechsel ist für mich eine der interessantesten Entscheidungen des Romans, weil dadurch nicht nur Heldinnen und Helden eine Stimme bekommen, sondern auch der Gegenspieler. Olivers Kapitel wirken häufig überzogen selbstsicher, provokant und teilweise geradezu größenwahnsinnig. Seine Gedanken sind voller Spott, Selbstüberschätzung und einer erschreckenden Selbstverständlichkeit, mit der er andere Menschen als Mittel zum Zweck betrachtet. Dadurch entsteht kein geheimnisvoller Bösewicht, dessen Motive lange verborgen bleiben. Stattdessen sitzt man gewissermaßen direkt in seinem Kopf und erlebt, wie er sein eigenes Verhalten rechtfertigt. Das ist manchmal unangenehm, aber wirkungsvoll. Viola bildet dazu den emotionalen Gegenpol. Ihre Gedanken sind unmittelbarer, verletzlicher und impulsiver. Sie zweifelt, flucht, hofft, wird wütend und versucht immer wieder, aus scheinbar aussichtslosen Situationen einen neuen Weg zu finden. Genau hier zeigt sich für mich auch die moderne Interpretation klassischer Märchenmotive besonders deutlich: Die Geschichte verweigert Viola die passive Opferrolle. Selbst wenn sie eingesperrt, bedroht oder manipuliert wird, bleibt ihr Denken aktiv. Sie beobachtet, plant, täuscht, hinterfragt und trifft Entscheidungen.
Die Atmosphäre wechselt dabei erstaunlich häufig. Nuxfarn mit seinen Waben, Bienen und goldenen Elementen besitzt beinahe etwas Märchenhaftes, während Aramors sehr viel dunkler und bedrückender wirkt. Valdarys wiederum erweitert die Welt um Elfen, Drachen, alte Akademien und verwunschene Wälder und bringt dadurch einen fast klassischen High-Fantasy-Ton hinein. Besonders die vielen unterschiedlichen Völker verleihen dem Roman den Charakter einer großen Märchenwelt, in der jede Gemeinschaft ihre eigenen Fähigkeiten mitbringt. Gleichzeitig bricht die Autorin diese Atmosphäre immer wieder mit modernen Dialogen, Flüchen und humorvollen Bemerkungen. Scooby funktioniert hierfür besonders gut. Dass ein Dackel mit der Vergangenheit eines mächtigen Zauberers zwischen Drachen, Königinnen und uralten Ritualen herumläuft, könnte schnell albern wirken, entwickelt aber gerade durch diesen Kontrast einen eigenen Charme. Das Erzähltempo ist überwiegend hoch. Es gibt nur wenige längere Ruhephasen, ständig wird gereist, geplant, gekämpft oder ein neues Geheimnis geöffnet. Für mich war das einerseits sehr unterhaltsam, andererseits hätte ich mir an einigen Stellen etwas mehr Zeit für bestimmte emotionale Entwicklungen gewünscht.
Zu den größten Stärken gehört für mich deshalb eindeutig die Fantasie, die in dieser Welt steckt. Bienen, Libellen, Ameisen, Motten, Hirschkäfer, Drachen, Elfen und Magier existieren nebeneinander, ohne dass das Buch versucht, daraus eine konventionelle Fantasywelt zu machen. Gerade diese Eigenwilligkeit unterscheidet die Reihe von vielen anderen Geschichten des Genres. Schön fand ich außerdem das Motiv der Gemeinschaft. Während Oliver Macht vor allem als Kontrolle versteht und andere Wesen besitzen, manipulieren oder benutzen möchte, entsteht auf der Gegenseite Stärke gerade dadurch, dass völlig unterschiedliche Gruppen freiwillig zusammenarbeiten. Das ist eine einfache, fast märchenhafte Gegenüberstellung, funktioniert innerhalb der Geschichte aber sehr gut. Auch das wiederkehrende Spiel mit Licht und Schatten, Erinnerungen, Seelenverbindungen und magischen Artefakten zieht sich konsequent durch den Roman. Schwächer empfand ich dagegen manche Dialoge und Erklärungen. Einige Informationen werden sehr direkt ausgesprochen, obwohl man sie als Leserin bereits verstanden hat, und gelegentlich drehen sich Gespräche etwas länger um denselben Punkt. Außerdem tauchen im Verlauf sehr viele Figuren, Orte und magische Regeln auf. Wer die Vorgänger nicht mehr ganz präsent hat, dürfte zwischendurch Schwierigkeiten bekommen, alle Verbindungen unmittelbar einzuordnen.
Emotional hat mich Nuxfarn vor allem durch Viola erreicht. Ihre Beziehung zu Oliver ist diesmal wesentlich düsterer als zuvor und zwingt sie dazu, zwischen Erinnerung und Realität zu unterscheiden. Gerade dieser Konflikt hat für mich gut funktioniert: Was macht man mit den schönen Erinnerungen an einen Menschen, wenn dessen gegenwärtiges Verhalten nicht mehr dazu passt? Wie lange darf Hoffnung bestehen, bevor sie zur Selbsttäuschung wird? Und kann Liebe überhaupt noch eine Rechtfertigung sein, wenn Macht, Kontrolle und Zwang ins Spiel kommen? Dadurch erhält das bekannte Märchenmotiv der großen Liebe eine interessante Umkehrung. Nicht die Liebe erlöst automatisch alles. Viola muss vielmehr herausfinden, wann Festhalten Mut bedeutet und wann Loslassen notwendig wird. Sehr gerne mochte ich außerdem Scooby, der für mich erneut das emotionale Herz der Geschichte bildet. Seine Loyalität zu Viola wirkt nie vollkommen kitschig, sondern eher wie eine feste Konstante in einer Welt, in der nahezu alles andere unsicher geworden ist. Dazu kommen mehrere Wiedersehen und Enthüllungen, die mich tatsächlich überrascht haben. Manche Entwicklungen sind bewusst groß und dramatisch inszeniert, aber genau das passt zu dieser Reihe.
Persönlicher Eindruck
Insgesamt ist Nuxfarn – Und das Echo der Schatten für mich ein fantasievoller und emotionaler Abschluss des bisherigen dreibändigen Handlungsbogens, der die Motive der Vorgänger konsequent weiterführt und gleichzeitig die Welt noch einmal deutlich vergrößert. Besonders gelungen finde ich die Art, wie klassische Märchen- und Fantasybausteine neu zusammengesetzt werden: Die gefangene Frau wird zur Strategin, der vermeintlich romantische Herrscher zum Sinnbild toxischer Kontrolle, das rettende Wunder wird durch Freundschaft und gemeinsames Handeln ersetzt und die unterschiedlichsten Wesen finden gerade in ihren Unterschieden ihre Stärke. Nicht jede Szene braucht meiner Meinung nach die gleiche Ausführlichkeit, und sprachlich hätte die Geschichte an einigen Stellen etwas mehr Zurückhaltung vertragen können. Trotzdem habe ich mich erneut gerne auf diese ungewöhnliche Welt eingelassen. Vor allem Viola und Scooby sind mir über die drei Bände ans Herz gewachsen, weshalb die emotionalen Entwicklungen dieses Teils deutlich stärker wirken als bei einem alleinstehenden Roman. Das Ende vermittelt dabei tatsächlich das Gefühl, nach einer langen, chaotischen und magischen Reise angekommen zu sein, ohne die Figuren ihrer Ecken und Kanten zu berauben.
✨ Bewertung: 4 von 5 Sternen
Für mich ist Nuxfarn der größte und dramatischste Teil der Reihe und ein passender Abschluss für Violas bisherige Geschichte.
