Scared-Sexy – 439 Seiten – 2026 erschienen
Scared Sexy – Die ungeheuerliche Unzähmbarkeit der Liebe ist für mich vor allem eines: ein ziemlich hemmungsloses Spiel mit all den Monstern, die Literatur und Popkultur seit Jahrhunderten als gefährlich, fremdartig und bedrohlich inszenieren. Die Autorinnen nehmen sich in dieser Anthologie klassische Motive der Schauerliteratur und des paranormalen Horrors vor und drehen deren ursprüngliche Bedeutung mit sichtlichem Vergnügen um. Statt vor dem Monster zu fliehen, darf man sich hier fragen, ob man sich nicht vielleicht gerade deshalb zu ihm hingezogen fühlt.Vampir, Dämon, Engel oder unbekanntes Wesen werden nicht einfach modernisiert, sondern aus ihrer traditionellen Rolle als Verkörperung des Bedrohlichen herausgelöst. Wo beispielsweise der Vampir in der klassischen Gothic Literature häufig für Kontrollverlust, sexuelle Gefahr und das Eindringen des Fremden steht, machen diese Geschichten genau daraus ihre romantische Ausgangslage. Das ist nicht subtil und will es auch gar nicht sein. Scared Sexy versteht sich vielmehr als spielerische, selbstbewusste Weiterentwicklung einer langen Tradition – mit deutlich mehr Spice.
Die sechs Geschichten funktionieren dabei unabhängig voneinander und greifen ganz unterschiedliche Spielarten des Übernatürlichen auf. Ali Hazelwood erzählt von der Vampirin Ethel und ihrem jahrhundertealten Gegner Enzo, einem Vampirjäger, der plötzlich sein Gedächtnis verloren hat – und damit ausgerechnet vergessen hat, dass er Ethel eigentlich töten möchte. Christina Lauren widmen sich Brigan, einem übernatürlichen Wesen, dessen magischer Anziehungskraft bislang kaum jemand widerstehen konnte, bis er auf Cat trifft. J. T. Geissinger verbindet in ihrer Geschichte die skeptische Journalistin Petra mit Dax, dessen ungewöhnliche Tattoos sehr viel mehr sind als bloßer Körperschmuck. Ruby Dixon verlagert das klassische Vampirmotiv sogar in den Weltraum und lässt Dana auf den genetisch veränderten Vlad treffen. Katee Robert macht wiederum eine Schlafparalyse-Dämonin zur romantischen Hauptfigur, während Kimberly Lemming mit Lucy und ihrem Wunsch nach wahrer Liebe endgültig in eine humorvolle, vollkommen überdrehte Variante der Monster Romance abbiegt. Mehr sollte man über die einzelnen Handlungen tatsächlich nicht wissen, denn ein großer Teil des Reizes besteht darin, herauszufinden, welche Regeln die jeweiligen Autorinnen für ihre übernatürlichen Wesen aufstellen und wie schnell aus einer vermeintlichen Gefahr etwas vollkommen anderes wird.
Gerade beim Schreibstil merkt man natürlich deutlich, dass hier sechs sehr unterschiedliche Stimmen zusammentreffen. Die Anthologie versucht gar nicht erst, stilistisch homogen zu wirken, und für mich ist genau das gleichzeitig ihre größte Stärke und eine ihrer deutlichsten Schwächen. Ali Hazelwoods Geschichte fühlt sich beispielsweise sofort nach Hazelwood an: schnelle Dialoge, pointierter Humor, starke Chemie und Figuren, die sich hervorragend darin verstehen, ihre Gefühle hinter Schlagfertigkeit und gegenseitiger Provokation zu verstecken. Gerade das Vampirjäger-Motiv funktioniert dabei erstaunlich gut, weil es auf ein sehr klassisches erzählerisches Muster zurückgreift. Seit Dracula und seinen zahllosen Nachfolgern gehört der Vampirjäger beinahe untrennbar zum Vampirmythos: Mensch beziehungsweise Jäger und Monster stehen auf entgegengesetzten Seiten. Hazelwood nimmt genau diese Erwartung und destabilisiert sie durch Enzos Gedächtnisverlust. Plötzlich bleibt von der erlernten Feindschaft zunächst nur die unmittelbare Begegnung zweier Personen übrig. Das wirft auf humorvolle Weise die Frage auf, wie viel von Feindschaft tatsächlich persönliches Empfinden und wie viel davon Zuschreibung, Geschichte und Erwartung ist.
Auch die anderen Geschichten arbeiten mit solchen Umkehrungen. Christina Lauren bedient sich der vertrauten Ikonografie des gefallenen oder übernatürlichen Engels und damit einer Figur, die gleichzeitig etwas Erhabenes und potenziell Gefährliches besitzt. J. T. Geissinger bewegt sich stärker in Richtung Gothic Mystery und Fluchmotiv, während Ruby Dixon mit ihrem Space-Vampir zeigt, wie flexibel klassische Monster inzwischen geworden sind. Gerade diese Geschichte fand ich konzeptionell interessant, weil sie deutlich macht, dass der Vampir längst nicht mehr an verfallene Schlösser, dunkle Wälder oder viktorianische Schlafzimmer gebunden ist. Seine wesentlichen Merkmale – Andersartigkeit, körperliche Überlegenheit, Gefahr und erotische Faszination – funktionieren genauso gut auf einer Raumstation. Katee Roberts Schlafparalyse-Dämonin wiederum greift einen wesentlich älteren Mythos auf: die Vorstellung eines Wesens, das nachts erscheint, den Schlafenden bewegungsunfähig macht und körperlich bedrängt. Aus einem kulturellen Angstbild wird hier eine Figur mit eigenen Bedürfnissen und Gefühlen. Genau darin liegt für mich die eigentliche moderne Interpretation der „Klassiker“ des Genres: Das Monster bekommt eine Stimme.
Atmosphärisch sollte man allerdings keinen traditionellen Horror erwarten. Das Buch arbeitet zwar mit dessen Symbolen, möchte aber viel eher verführen als erschrecken. Die Dunkelheit ist Kulisse, Gefahr wird zur Spannung zwischen den Figuren und das Monströse entwickelt sich fast immer zum erotischen Versprechen. Horror und Romance liegen dabei erstaunlich nah beieinander, weil beide Genres mit körperlicher Anspannung, Kontrollverlust und starken Emotionen arbeiten – ein Zusammenhang, den Hazelwood und Christina Lauren selbst im Zusammenhang mit der Entstehung der Sammlung hervorgehoben haben. Das Erzähltempo ist aufgrund des Novellenformats entsprechend hoch. Große Worldbuilding-Passagen gibt es kaum. Stattdessen verlassen sich die Autorinnen darauf, dass man bereits weiß, was ein Vampir, ein Dämon oder ein gefallener Engel ungefähr bedeutet. Diese kulturelle Kurzschrift macht die Geschichten zugänglich und sorgt für Tempo, begrenzt aber stellenweise auch ihre emotionale Tiefe.
Genau hier liegen für mich die Stärken und Schwächen des Buches dicht beieinander. Ich mochte die enorme Vielfalt und die Bereitschaft, bekannte Monsterbilder vollkommen ungehemmt auseinanderzunehmen. Keine Geschichte scheint Angst davor zu haben, ein vertrautes Motiv absurd, sexy oder bewusst überzogen weiterzudenken. Gerade als Leserin, die klassische Vampir- und Schauermotive kennt, macht es Spaß zu beobachten, welche Elemente erhalten bleiben und welche auf den Kopf gestellt werden. Das Monster ist nicht länger automatisch das Hindernis auf dem Weg zum Happy End – sehr häufig ist es das Happy End. Gleichzeitig merkt man bei mehreren Geschichten, dass die kurze Form Grenzen setzt. Beziehungen entwickeln sich teilweise sehr schnell, Konflikte müssen in wenigen Kapiteln aufgebaut und wieder aufgelöst werden und einzelne Welten hätten für meinen Geschmack deutlich mehr Raum verdient. Die sechs Texte sind außerdem stilistisch und tonal so verschieden, dass zwangsläufig nicht jede Geschichte gleich gut funktioniert. Wer eine durchgängige Atmosphäre erwartet, könnte den Wechsel zwischen düster, romantisch, absurd, erotisch und ausgesprochen komisch als etwas sprunghaft empfinden. Dass die Anthologie bewusst wie ein „Sample Pack“ sehr verschiedener Monster-Romance-Spielarten gedacht ist, haben die beteiligten Autorinnen selbst beschrieben.
Persönlicher Eindruck
Mein persönlicher Eindruck fällt trotzdem überwiegend positiv aus, vor allem weil ich den literarischen Perspektivwechsel überraschend spannend fand. Hinter all dem Spice und Humor steckt nämlich eine Idee, die für Monsterliteratur schon immer zentral war: Wer entscheidet eigentlich, was ein Monster ist? Klassische Schauergeschichten markieren das Übernatürliche häufig zunächst als das Andere, das die bestehende Ordnung bedroht. Moderne Monster Romance interessiert sich dagegen sehr viel stärker dafür, was passiert, wenn man diese Grenze überschreitet und das vermeintliche Monster aus der Nähe betrachtet. Genau dieses Prinzip zieht sich für mich durch Scared Sexy. Besonders gut funktionieren deshalb die Momente, in denen Gefahr und Verletzlichkeit gleichzeitig sichtbar werden. Figuren können körperlich mächtig, uralt oder buchstäblich nicht menschlich sein und trotzdem emotional unsicher wirken. Dadurch verändert sich auch der Blick auf die menschlichen Figuren: Statt gerettet werden zu müssen, entscheiden sie selbst, was sie wollen und wem sie vertrauen.
Natürlich sollte man dabei eine gewisse Freude am Absurden mitbringen. Manche Ideen sind so überzogen, dass man sie entweder begeistert annimmt oder vermutlich ziemlich schnell aussteigt. Ich hatte gerade mit diesem Mut zum Verrückten viel Spaß, auch wenn für mich nicht jede der sechs Geschichten dieselbe emotionale Wirkung erreicht hat. Bei Anthologien gehört das aber fast zum Konzept. Ich mochte außerdem, dass das Buch nicht versucht, seinen Monstern ihre Fremdartigkeit vollständig abzutrainieren. Sie sollen nicht unbedingt heimlich ganz normale Menschen sein. Häufig dürfen sie seltsam, gefährlich und körperlich eindeutig nicht menschlich bleibenund trotzdem begehrenswert sein. Genau diese Konsequenz unterscheidet Monster Romance für mich von bloßer Paranormal Romance und macht die Sammlung interessanter, als der zunächst sehr augenzwinkernde Titel vermuten lässt.
Insgesamt ist Scared Sexy – Die ungeheuerliche Unzähmbarkeit der Liebe für mich daher weniger eine Hommage an einen einzelnen literarischen Klassiker als eine verspielte Liebeserklärung an einen ganzen Kanon klassischer Monsterfiguren. Vampirgeschichten, Dämonenmythen, Flüche, Engel und andere übernatürliche Wesen werden aus ihren traditionellen Horrorrollen herausgenommen und durch eine moderne Romance-Perspektive betrachtet. Dabei geht zwangsläufig etwas von der ursprünglichen Bedrohlichkeit verloren, doch an ihre Stelle tritt eine interessante neue Frage: Was, wenn das Fremde nicht besiegt werden muss, sondern verstanden werden kann? Literarisch sind die sechs Geschichten nicht alle gleich stark und das kurze Format verhindert gelegentlich die Tiefe, die ich mir bei einzelnen Figuren gewünscht hätte. Als abwechslungsreiche, humorvolle und ausgesprochen spicy Anthologie funktioniert der Band für mich trotzdem sehr gut.
✨ Bewertung: 4 von 5 Sternen
Vor allem Leser, die bereits Freude an Paranormal oder Monster Romance haben und klassische Horrormotive gerne in einer modernen, selbstironischen Form wiederentdecken, dürften hier einiges finden. Für mich lebt die Sammlung weniger von perfekten Einzelgeschichten als von ihrem Gesamtkonzept und der Lust daran, jahrhundertealte Vorstellungen von Monstern, Gefahr und Begehren neu zu verhandeln.
