Witches-Of-Crumblewood-1 – 276 Seiten – 2026 erschienen
The Witchy Book Club von Leia Rose hat mich mit einer Frage neugierig gemacht, die vermutlich jede begeisterte Fantasy-Leserin schon einmal beschäftigt hat: Was würde passieren, wenn eine Figur aus meinem Lieblingsbuch plötzlich vor mir stünde? Bei Rosella Heartstorm bleibt es nicht bei diesem Gedanken. Die junge Hexe versucht tatsächlich, ihren geliebten Buchhelden in ihre Welt zu holen. Dass ausgerechnet der Bösewicht erscheint, gibt der vertrauten Fantasie vom lebendig gewordenen Bookboyfriend eine Wendung, die viel Raum für Humor und romantisches Chaos bietet. Der Roman ist der erste Band der Reihe Witches of Crumblewood und verbindet Cosy Fantasy mit Romance. Schon diese Einordnung beschreibt das Lesegefühl ziemlich gut: Hier geht es um Magie, eine kleine Stadt, einen Buchclub und um Gefühle, die sich schlecht an einen Plan halten. Besonders interessant fand ich dabei den Umgang mit dem klassischen Gegensatz zwischen Held und Schurke. Rosella glaubt zu wissen, wen sie aus ihrem Lieblingsroman lieben und wen sie verabscheuen sollte. Als eine dieser Figuren außerhalb der Buchseiten vor ihr steht, reicht dieses Urteil plötzlich nicht mehr aus.
Rosella ist Lehrerin in der magischen Kleinstadt Crumblewood und teilt ihre Liebe zu Geschichten mit den anderen Mitgliedern ihres Buchclubs. Besonders angetan hat es ihr der Held eines Romantasyromans. Als sie Nachrichten erhält, die sie mit ihm in Verbindung bringt, wagt sie ein Ritual, um ihn aus der Geschichte in ihre eigene Welt zu holen. Der Zauber erfüllt ihren Wunsch allerdings auf eine Weise, mit der sie überhaupt nicht gerechnet hat: Statt des ersehnten Helden steht Cassian vor ihr, der Bösewicht des Romans. Rosella möchte ihn möglichst schnell wieder dorthin zurückbringen, wo er hergekommen ist. Cassian sieht dafür keinen Grund. Er findet sich in Crumblewood zurecht, taucht an Orten auf, die Rosella wichtig sind, und macht sogar vor ihrem Buchclub nicht halt. Seine Gegenwart bringt sie damit nicht nur in praktische Schwierigkeiten. Sie zwingt Rosella auch, ihre feste Vorstellung von ihm zu überprüfen. Denn der Mann, mit dem sie nun spricht, lässt sich nicht so leicht mit der Figur gleichsetzen, über die sie beim Lesen bereits geurteilt hat. Mehr muss man über die Handlung eigentlich nicht wissen, um ihren besonderen Charme zu verstehen: Eine leidenschaftliche Leserin trifft auf jemanden, dessen Geschichte sie zu kennen glaubt, und muss feststellen, wie kompliziert das Leben außerhalb eines Buches sein kann.
Leia Roses Schreibstil passt gut zu dieser Ausgangsidee. Rosella erzählt mit einer Begeisterung für Bücher, die ich sofort nachvollziehen konnte. Sie liest emotional, bezieht Stellung zu Figuren und denkt noch an eine Geschichte, wenn sie das Buch längst geschlossen hat. Dadurch wirkt ihre Reaktion auf Cassian zunächst auch so glaubwürdig: Für Rosella ist er kein geheimnisvoller Fremder, dem sie unvoreingenommen begegnen könnte. Sie hat bereits Stunden mit seiner Geschichte verbracht und eine sehr entschiedene Meinung über ihn. Roses Sprache ist dabei leicht, direkt und oft humorvoll. Besonders die Gedanken der Protagonistin und die Gespräche im Buchclub vermitteln das Gefühl, unter Menschen zu sein, die sich in erfundenen Welten genauso ernsthaft verlieren können wie ich selbst. Das macht den Roman zugänglich, ohne dass er lange Erklärungen über seine Magie braucht. Die fantastische Seite gehört in Crumblewood zum Alltag; der eigentliche Ausnahmezustand besteht darin, dass eine Buchfigur plötzlich Teil dieses Alltags wird.
Auch die Atmosphäre lebt von dieser Nähe zwischen dem Vertrauten und dem Unmöglichen. Ein Buchclub ist für mich normalerweise ein Ort, an dem man über Figuren diskutiert und anschließend nach Hause geht. Hier kann eine dieser Figuren auf einmal mitreden. Dieser Gedanke ist witzig, aber er hat zugleich etwas Verunsicherndes: Was bleibt von einem Urteil über einen Menschen übrig, wenn er die Möglichkeit bekommt, selbst zu antworten? Rose nutzt diese Spannung vor allem für eine gemütliche, romantische Geschichte. Das Erzähltempo fühlt sich deshalb eher wie ein Besuch in Crumblewood an als wie eine Hetzjagd durch eine gefährliche Fantasywelt. Ich mochte, dass die Stadt und der Freundeskreis Rosella einen Rahmen geben, in dem Cassians Auftauchen besonders auffällt. Zugleich lässt der lockere Ton die schärferen Fragen der Prämisse gelegentlich nur kurz anklingen. Wer wissen möchte, was es für eine Geschichte bedeutet, wenn ihr Bösewicht sie verlässt, könnte sich an manchen Stellen eine tiefere Beschäftigung mit genau diesem Gedanken wünschen. Als Cosy Romance funktioniert das leichtere Tempo für mich jedoch gut. Die Reibung zwischen Rosellas Erwartungen und Cassians Verhalten trägt die Handlung, während der Humor verhindert, dass aus jeder Begegnung sofort ein großes Schicksalsdrama wird.
Die größte Stärke des Romans ist für mich, dass seine romantische Ausgangslage zugleich etwas über das Lesen erzählt. Rosella verliebt sich zunächst in ein Bild: den Helden, wie sie ihn auf den Buchseiten erlebt. Cassian wiederum muss gegen ein Bild ankommen, das längst von ihm existiert. Ich fand es reizvoll, dass der vermeintlich ideale Mann abwesend ist, während ausgerechnet der unerwünschte Schurke Raum bekommt, sich anders zu zeigen als erwartet. Das ist keine völlig neue Umkehrung des Held-und-Bösewicht-Musters, aber sie passt ausgesprochen gut zu einer Geschichte über einen Buchclub. Auch Rosellas Begeisterung trägt viel dazu bei, dass die Idee nicht bloß wie ein amüsanter Einfall wirkt. Ihre Liebe zu Geschichten ist spürbar und macht verständlich, warum sie überhaupt ein solches Risiko eingeht. Meine Einschränkung liegt in der Kehrseite dieses Konzepts: Wer wegen der Begegnung zwischen fiktiver und realer Welt auf eine besonders komplexe Auseinandersetzung mit Erzählen, Schicksal und freiem Willen hofft, wird hier womöglich weniger davon finden, als die Prämisse verspricht. Zudem ist die Richtung der romantischen Spannung früh erkennbar. Mich hat das nicht grundsätzlich gestört, denn der Reiz liegt weniger in der Frage, ob Rosella ihre Meinung über Cassian überdenken wird, sondern darin, wie sich ihr Blick verändert. Ein wenig mehr Widerstand gegen die vertrauten Romance-Muster hätte der Geschichte trotzdem gutgetan.
Am meisten ist mir nach dem Lesen Rosella als Leserin im Gedächtnis geblieben. Ich konnte über ihre heftigen Reaktionen auf Figuren schmunzeln, weil ich diesen Impuls kenne: Man legt ein Buch weg, möchte jemanden über das Ende ausfragen und ist für einen Moment erstaunlich persönlich von den Entscheidungen erfundener Menschen betroffen. Dass Rosella ihre Leseleidenschaft mit Freundinnen teilt, gibt dem Roman dabei eine Wärme, die über die Liebesgeschichte hinausgeht. Der Buchclub ist mehr als ein passender Titel; er macht sichtbar, wie Geschichten zwischen Menschen weiterleben, sobald sie darüber sprechen. Cassian fand ich gerade deshalb interessant, weil Rosellas erste Reaktion auf ihn so eindeutig ausfällt. Es wäre leicht gewesen, sofort mit ihr in die Schwärmerei einzusteigen. Stattdessen musste auch ich mich erst auf die Möglichkeit einlassen, dass eine Rolle innerhalb eines Romans nicht alles über die Figur aussagt, die sie ausfüllt. Dieses langsame Verschieben der Wahrnehmung hat mir mehr Freude gemacht als die Frage nach dem nächsten romantischen Moment. Wenn ich an The Witchy Book Club zurückdenke, sehe ich vor allem diese merkwürdige Situation vor mir: Menschen sitzen zusammen und sprechen über ein Buch, während dessen Bösewicht längst Teil ihrer Welt geworden ist. Sie fasst den verspielten Charakter der Geschichte für mich am besten zusammen.
Persönlicher Eindruck
The Witchy Book Club ist für mich ein unterhaltsamer, warmer Reihenauftakt für alle, die gern über Buchfiguren diskutieren und sich schon einmal gefragt haben, ob sie ihren eigenen Bookboyfriend außerhalb seiner Geschichte überhaupt noch mögen würden. Leia Rose verbindet diese Fantasie mit einer magischen Kleinstadt, einer lebendigen Erzählerin und einer Romanze, die von gegensätzlichen Erwartungen lebt. Am überzeugendsten war für mich die Frage, wie schnell wir jemanden auf die Rolle festlegen, die ihm eine Geschichte gegeben hat. Der Roman nimmt diese Idee auf, ohne seinen gemütlichen Ton dafür aufzugeben. Gerade das macht ihn zu einer angenehmen Lektüre, setzt seiner Tiefe aber auch Grenzen. Die Prämisse hätte für meinen Geschmack noch mehr Überraschungen und schwierigere Fragen vertragen, als die Handlung ihr zugesteht. Trotzdem habe ich Rosella gern dabei begleitet, wie ihre sichere Meinung über Held und Schurke ins Wanken gerät.
✨ Bewertung: 4 von 5 Sternen
Wer Lust auf eine humorvolle, buchverliebte Cosy Fantasy Romance hat, dürfte in Crumblewood eine schöne Lesezeit verbringen.
